Archiv für: Dezember 2003

25.12.03

Permalink 23:55:11, von Olaf Email , 774 Wörter, 617 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Ewiges Leben

Kurz vor Mitternacht: gäbe es die Wahl zwischen ewigem Leben ohne die Möglichkeit eines Endes und einem ewigen Tod nach just diesem gelebten Leben (das morgen durch einen Eisenbahnunfall enden kann), was wäre wohl unsere Entscheidung? Wir würden uns dieser verweigern, of course: weil wir zu klein sind für solche Perspektiven (in demselben Sinne, wie sich all unsere Philosophie in winzigen, unwissenden Bahnen abspielt, von oben gesehen): aber die Idee ist bestechend: würden wir das Risiko einer ewigen (ewigen, Konzept von Zeit, erschaffen von Hirn, aber egal) Hölle eingehen können? Die Bedingungen nicht kontrollieren können, mit denen ewiges Leben einhergeht? Wir sind klein: kosmische Kinder, die sich nicht entscheiden müssen und können, nur mit den Gedanken und Gefühlen spielen (und unsere etwaige Entscheidung hätte zwingend mit unserem gegenwärtigen (ohne behaupten zu wollen, es gäbe ein anderes, oder auch nicht) Leben zu tun, mit Glück und Unglück und vergleichbaren kleinlichen Parametern): aber wir können Angst haben (was ein sehr wichtiges persönliches Thema meiner ungelösten Pubertät war und immer noch ist, wenn auch erstens hinter einer unbefriedigenden Mauer versteckt und zweitens aus einer wenigstens teilweise erwachsenen Perspektive gesehen) vor der Möglichkeit einer ewigen Hölle.

Die Möglichkeit einer ewigen Hölle. Klasse Überschrift. Sorgt etwas dafür (ein Bewusstsein, ein Unbewusstsein, ein Naturgesetz oder gar etwas Namenloses, Unvorstellbares, Numinoses), dass es uns zwar manchmal zum Kotzen geht, in manchen menschlichen Fällen gar ans Ende der möglichen Skala (sprachlich hinein ins "Unmögliche", interessant, dass es das Mittel der Sprache ist, ihre eigene Logik zu sprengen, wenn sie Dinge ausdrücken soll, die das menschliche Fassungsvermögen zu übersteigen scheinen (und es gerade dadurch nicht tun, dass sie immerhin noch scheinen (weil ein echtes Übersteigen wäre wohl kaum wahrnehmbar))), aber alle Dinge enden und, wenn sie einmal ihr Extrem erreicht haben, zurückkehren (wobei wir hier ein wenig illegal die Dimension der Zeit einbringen, die ja nichts weiter als eine kosmische Wilkkür ersten Ranges ist)? Ich jedenfalls hatte immer Angst vor der ewigen Hölle, und ich habe es immer noch (man verzeihe den aus dem von mir nicht gerade hoch geschätzten Christentum entliehenen Begriff der Hölle (jedenfalls kommt er heutzutage dort vor, oder jedenfalls im Kontext christlichen Diskurses) sowie den der menschlichen Wahrnehmung entlehnten Begriff der Ewigkeit): die ewige Hölle ist unwiderlegbar: das Begreifen dieser Tatsache ist, nebenbei getippt, eine Chance, in einem großen Satz ins Tao zu springen oder Zen zu blicken (aber nicht, Jesus zu werden, das ist zu nah an Begriffen): aber es erzeugt eine fundamentale Angst in einem so empfindsamen Wesen wie mir: konkret: ich könnte allein sein, einziger Geist, nicht in der Lage, diesen Zustand zu beenden, und dieses Leben träumend: und alle logischen Einwände (die ich mir selbst meisterhaft, glaubt mir, nennen kann) können subsummiert werden unter die Möglichkeit einer Täuschung, eines Denkfehlers, Fühlfehlers, Wahrnehmungsfehler, weil auch die innerste Realität noch wahrgenommen werden muss und somit Irrtümern unterliegen kann (zwingend unterliegt, würde hier Huineng sagen). Unglaublich, oder? Der Schritt, Zen zu begreifen (nicht zu begreifen natürlich) führt nah an der ewigen Hölle vorbei, ist in gewisser Weise die ewige Hölle (weil Sein Begriff ist und verworfen werden muss wie alle anderen Begriffe auch, weil die Einsicht in die Unmöglichkeit, die ewige Hölle zu widerlegen, identisch ist (ohne dass ich mit dem Begriff der Identität etwas sagen will) mit dem Schritt ins Tao).

Oha: ich rede von dem ersten Schritt. Der zweite ist schon kein Schritt mehr, und vom dritten können wir nicht einmal mehr in Negationen reden, und wer den vierten auch nur ignoriert, ist schon vorbeigeschlittert.

Woher kommt eigentlich dieses strömende Schreiben, dieses Text-Halluzinieren, dieses aus mir Fließenlassen von Gedanken, Fetzen, Ideen, Ängsten? Wer oder was schreibt? Was für eine alte Frage. Und warum ist dieser fieberhafte Wahn, in dem ich manchmal schreibe (oder immer schreibe, wenn ich schreibe), anders als ein Schritt-für-Schritt-Denken und -Schreiben, mit abgewogenen Sätzen, Kapitelüberschriften, Struktur, mit dem schrittweisen sich Annähern an ein System (an das ich grundsätzlich nicht glaube, aber das spiele hier keine Rolle, weil es um Quellen gehe und nicht um diese ausgenudelte Suche nach der Wahrheit, an die ich auch nicht glaube)? Es schreibt. Wo ist hier zum Geier ein Ich, und wenn da, was macht es dann aus? Was wird erleuchtet, was verzweifelt? Und doch fühlt etwas: und zwar Ich!. Gute Nacht.

01.12.03

Permalink 11:57:43, von Olaf Email , 642 Wörter, 596 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Alp

Nach einem anstrengeden Tag voller Programmierung, nach einem anstrengenden Wochenende voller Möglichkeiten, Weihnachten, Advent, TaiJiMen-Diskussion, Thanksgiving (Essen): ich (was ist das nochmal?) im Bett, Cohen singt von der Zukunft, neben dem Bett: 6 Zen-Bücher, 4 über das Dao, zwei Romane, eins über Thai-Küche, ein Atlas über frühe Geschichte und Völkerwanderungen, einiges Zeug mehr, neben mir im Bett Äffchen und Bruno, zwei Stofftiere aus meiner Kindheit (wo ich definitv ein anderer war (welches "Ich" ist ein anderer und welches "Ich" dasselbe? Interessant, die meisten Weisheiten werden sich eines Tages in allgemeinere, elegante, auch lebendige Formen bringen lassen)), Begleiter, ich weiß nicht ob von sich aus lebendig oder mit meiner Energie der Jahrzehnte geladen (oder, und so wird es sein: beide Möglichkeiten falsch aufgrund wie immer falscher Denkvoraussetzungen: was stimmt denn eigentlich noch? - und wenn letztendlich sowieso nichts stimmt: was hat denn zu was noch eine definierbare, nennbare Beziehung? Die coole Qualität am Dao ist nicht, dass es nicht nennbar, begreifbar sichtbar ist: weil das gilt auch für ausgerechnet alles andere). Verwirrung würde ich das meiste nicht nennen: der Verzicht auf Begriffe bringt eher Klarheit und Freiheit, wenn er nicht vollkommen beliebig geschieht, sondern stets von einer seltsamen, unsichtbaren, unfassbaren Energie (bzw.: Nicht-Energie) begleitet ist (in einigen der Zen-Bücher würde jetzt stehen: leer! Und ich bekäme einen Schlag auf den Kopf.

Alles was etwas gilt (eine Musik, ein Gedicht, eine Idee, ein Stofftier, ein Gespräch, eine Freundschaft, ein Schlaf, ein Essen, mehr) muss eine Energie haben (von mir aus ist der Audruck "Energie" - wie übrigens jeder andere auch - eine Metapher: "Metapher" ist in diesem Sinne leer): die Regeln nach denen sie fließt sind komplex: und wenn man Blödsinn lange genug macht (oder verbissen oder geduldig genug), wird er (oder sie) irgendwann gültig: die Gesetze der kosmischen (makro-, mikro-, mittelgroß-) Energien sind zuweilen recht komplex: man kann sie nicht niederschreiben, nur immer wieder neu erfassen: das verwirrt (besonders jene unter uns, die in letzter Konsequenz Beamte sind): mit den richtigen Augen ist es sehr lustig, wie öffentlich (oder auch in kleinen philosohischen Zirkeln, über die ich mich mit diesen Sätzen, wie auch über besagte Öffentlichkeit, erhebe, was ein Irrtum ist) vertretene, sehr ernste Thesen immer zu kurz, zu klein, zu temporär geraten (oder zu groß etc.): es gibt immer eine Perspektive, aus der eine Aussage falsch ist, und es ist immer eine vertretbare These (wenn auch nicht immer platt die Anti-These): und man kann sie immer finden: und die Welt wird leer (seit Huineng ist auch diese These falsch).

Alp: ich dachte an einen nicht gedrehten Film (inspiriert durch die ersten paar Sätze einer Kurzgeschichte von Stanilslaw Lem, die aber damit nichts (schon wieder dieses "Nichts", das immer genau so falsch ist wie das "Ich") zu tun hat), in dem sich Schwarz und Weiß (hier symbolisch wirklich alles vertretend, was man sich darunter vorstellen kann, und noch ein gutes Stück mehr) ewig bekriegen, wertfrei (zum Beispiel kann Weiß Schwarz nicht klarmachen, dass es doch viel schöner wäre, friedlich zusammen zu leben, nach der eigenen Facon selig werdend, jedes in seinem Land oder Energieband oder - bis auf den Punkt - in seiner Yin-Yang-Hälfte): Schwarz knallt Weiß mit einer Pistole ab, aber Weiß, getroffen zusammenbrechend, kann nicht sterben, wird sich wieder erholen, irgendwann wieder die Oberhand behalten und die Welt in seiner Güte ersticken; eine solche Welt ist ein Alptraum: der klassischste aller. Wie sind nur die 10.000 Dinge entstanden?

Indem ich schreibe, werde ich los: nicht alles ist wirklich verdaut ("verdaut" heißt hier: zerebral gestaut, gespeichert, verfügbar, durchdacht): vieles ist einfach ein Ausfluss, und da wir das "Ich" zur Zeit eher aufgelöst haben, sind Frage und Aussage, ob "Ich" damit zu tun habe, verfehlt: es geschieht einfach (im Maschinen-Sinne von Deleuze und Guttari).

Olaf Schreibers Blog

So fängt es an: ich blogge. Es gab immer mal wieder ein paar Leute, denen der Ausfluss eines mit mir identifizierten Hirns gefallen hat, drum teste ich es mal so.

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