Archiv für: Oktober 2003

01.10.03

Permalink 23:50:17, von Olaf E-Mail , 1005 Wörter, 725 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Gedanken Midlife

Kurz vor Mitternacht, wird mir ein 10.000stes Mal bewusst, dass meine Tage endlich sind, die Anzahl an Stunden, die in die Erlebnisse passen, die ich noch vor mir habe, die wirklich bedeutenden Erlebnisse, wahrscheinlich kleiner als 400 (irgend eine Zahl), so viel kleiner als die Möglichkeiten, die sich noch vor Jahren in der diffusen Nicht-Schau auf die Zukunft versprochen haben. Und doch mag ich diese Erkenntnis (nimmt sie die männlichen Wechseljahre, begleitet von dem, was sie (die "älteren") "Midlife-Crisis" nennen (und zuweilen aber nur "Nightlife-Crisis" meinen), vorweg?). Ich weiß nicht, ob etwas von dem, was ich bis jetzt gefunden habe, Antworten sind, oder ob Fragen, die nie gestellt werden könnten (weil die Worte fehlten), in wieder und wieder anderen Lichtern erschienen sind: woher kommen wir, woher kommt überhaupt etwas, und wenn ich vor allen Polaritäten (fataler Weise den Grundlagen meiner Wahrnehmung) kein Ding an sich erkenne, dennoch: woher kommt es, und wie kommt es dass es existiert und nicht existiert, dass jeder Name, den ich einem Ding (und keinem Ding, könnte aus der Ecke gerufen kommen) gebe, mittelfristig von der Wirklichkeit abperlt wie ein gegen das falsche Haus Gottes geklatschter falscher Prophet (und auch Gott ist falsch, ob man seinen Namen nennen kann oder nicht)? Was ist, wenn ich die letzten 36 Jahre (die mein Alter sind) in zwei Mal 18 aufteile, in den letzten 18 Jahren geschehen, das sich grundlegend von dem unterscheidet, was normaler Weise geschieht (ihr wisst schon was ich meine)? Gut, ok, mein Ich hat sich aufgelöst, alle Begriffe haben sich als falsch erwiesen (alle), es gab ein wenig Glück, eine Stabilität - aber wenn ich all das vergesse (einschließlich der fragwürdigen Qualität dieser Frage, ja ich weiß, "wenn ich vergesse" was ist "vergessen", was "ich"), vergessen in einem tiefen Sinn jenseits einer liebenswerten (aber meist gegenübertragenden) Argumentation: was halte ich in den Händen (weil ich ja "vergessen" habe, kann ich diese Frage stellen, und ihr könnt nicht sagen "Nichts" oder "Was bist du?" oder ein Zen-Stockhieb; weil ich ja frage wie ein Tier (könnte es doch nur fragen), das ein bisschen intelligent ist)?
Anyway.
Woran misst sich das nicht Erlebte? Hier zum ersten Mal im Internet eine Liste zum Abstreichen:

  • An den Stunden vor der Glotze
  • An den Stunden im Kino geteilt durch zwei
  • An den höflich verbrachten Stunden
  • An den Jahren in Schule, Uni und Arbeit
  • Am Zögern
  • Am Scheitern
  • Am mit sich hart ins Gericht Gehen
  • An der Angst
  • Am Alkohol, am Haschisch
  • Am Smalltalk
  • Am Versuch, sinnvolle Zeit zu verbringen
  • An der zweitbesten Wahl
  • Am Zwang zur besten Wahl
  • Am Versuch zu leben
  • Am Versuch zu genießen
  • Am schlechten Wein
  • An der Verschlossenheit
  • Am gescheiterten Versuch der Offenheit
  • Wieder am mit sich hart ins Gericht Gehen
  • An ablenkender Musik (an Ablenkung überhaupt, aber Musik ist schlimmer)
  • An gleichzeitig voll und leer verbrachten Stunden
  • An Zwängen
  • An Schuld
  • An der Unklarheit (immer Folge von Angst)
  • An Halb-und-halb
  • An Unwesentlichem
  • An innerem und äußerem Lärm
  • An Stunden am Computer (besonders solchen mit dessen Konfiguration befassten
    und Spielen)
  • An Autofahrten
  • An Bildung um ihrer selbst willen
  • An Grammatik
  • An Ideen was man machen könnte
  • An Vorstellungen was man machen sollte
  • Am flachen Atem
  • Am falschen Lächeln
  • Am nicht ganz frischen Nachdenken

Ich bin 36 und noch jung. Mit 30 dachte ich genau so bewusst, mit 25 war das anders. Manche sind mit 20 fit. Und doch sind alle verschieden. Da soll sich jemand auskennen. Das Alter erzeugt Qualitäten und vernichtet andere. Der Deal ist nicht ganz fair, so als erwartete das Universum, dass man mit der Zeit in die Lage käme, für sich selbst zu sorgen: das grandiose Scheitern, das allerorten zu sehen ist, hat eine beinahe komische Dimension: die Menschheit, die Masse der Menschen, ist nicht zu verstehen: eine kleine Information (die irgendwie aus dem Bereich der Science-Fiction stammen müste) fehlt (etwa "dies ist ein kosmisches Gefängnis" oder "dies ist sowas wie ein Hühner-KZ, bloß dass die da oben uns Qi absaugen" oder "Fehlplanung, gut gedacht, aber nicht gut genug" oder "die Welt ist wie ich bin, wie ich sie wahrnehme" (nun, letzteres ist wohl war, aber das spiele hier mal keine Rolle, auch wenn es in der Tat (das meine ich ernst) der Weisheit letzter Schluss ist). Tja, zur Negativliste (wenn ich denn schon mal beim Werten bin) oben gibt es natürlich auch eine Positivliste, die ich euch nicht vorenthalten mag:

Woran misst sich das Erlebte? Hier:

  • An Stunden die klar sind
  • An Fülle, die nicht mit Leere vermischt ist
  • An Leere, die nicht mit Fülle vermischt ist
  • An Menschen DA sind
  • An Wachheit
  • An Ehrlichkeit
  • Am vollen Lachen
  • An Dingen die auf den Punkt sind

Hm: leider beginnt das sehr schnell wie ein Who-'s-who der besten Schund-Lebensratgeber zu klingen. Ich lasse es: wir wissen sowieso alle was gemeint ist, und jenseits davon haben wir keine wirklich Ahnung. Was sind Weise? Was ist Zen? Ich liege hier mit dem Laptop im Bett und greife nach der verlorenen Zeit, und die die gerade ist versuche ich mit meinen krampfenden Händen zu bremsen: wie sie durch die Tage fließt und meine Kraft mit sich reißt (und meine Schönheit, die immer etwas hinter der Zeit schleift): und begrabe mich in Notwendigkeiten, weil sie mich entschuldigen: aber am Ende (nach nochmal derselben Zeit, nicht zu fassen) werde ich damit nicht kommen können, wenn man mich fragt: "hättste dis doch mal schleifen lassen und wärst lieber raus gegangen und hättest die Leute geschüttelt und gebrüllt 'lass uns leben, lass uns um Himmels willen leben!', aber warum haste nicht? Warum haste Tag für Tag diesen Unsinn gemacht und warst froh dass er nötig war, froh daste nich rausgehen musstest?"

Was ist das, was ich genau nun tun könnte (von sollte will ich gar nicht fragen)?

Olaf Schreibers Blog

So fängt es an: ich blogge. Es gab immer mal wieder ein paar Leute, denen der Ausfluss eines mit mir identifizierten Hirns gefallen hat, drum teste ich es mal so.

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