Archiv für: 2003

25.12.03

Permalink 23:55:11, von Olaf Email , 774 Wörter, 686 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Ewiges Leben

Kurz vor Mitternacht: gäbe es die Wahl zwischen ewigem Leben ohne die Möglichkeit eines Endes und einem ewigen Tod nach just diesem gelebten Leben (das morgen durch einen Eisenbahnunfall enden kann), was wäre wohl unsere Entscheidung? Wir würden uns dieser verweigern, of course: weil wir zu klein sind für solche Perspektiven (in demselben Sinne, wie sich all unsere Philosophie in winzigen, unwissenden Bahnen abspielt, von oben gesehen): aber die Idee ist bestechend: würden wir das Risiko einer ewigen (ewigen, Konzept von Zeit, erschaffen von Hirn, aber egal) Hölle eingehen können? Die Bedingungen nicht kontrollieren können, mit denen ewiges Leben einhergeht? Wir sind klein: kosmische Kinder, die sich nicht entscheiden müssen und können, nur mit den Gedanken und Gefühlen spielen (und unsere etwaige Entscheidung hätte zwingend mit unserem gegenwärtigen (ohne behaupten zu wollen, es gäbe ein anderes, oder auch nicht) Leben zu tun, mit Glück und Unglück und vergleichbaren kleinlichen Parametern): aber wir können Angst haben (was ein sehr wichtiges persönliches Thema meiner ungelösten Pubertät war und immer noch ist, wenn auch erstens hinter einer unbefriedigenden Mauer versteckt und zweitens aus einer wenigstens teilweise erwachsenen Perspektive gesehen) vor der Möglichkeit einer ewigen Hölle.

Die Möglichkeit einer ewigen Hölle. Klasse Überschrift. Sorgt etwas dafür (ein Bewusstsein, ein Unbewusstsein, ein Naturgesetz oder gar etwas Namenloses, Unvorstellbares, Numinoses), dass es uns zwar manchmal zum Kotzen geht, in manchen menschlichen Fällen gar ans Ende der möglichen Skala (sprachlich hinein ins "Unmögliche", interessant, dass es das Mittel der Sprache ist, ihre eigene Logik zu sprengen, wenn sie Dinge ausdrücken soll, die das menschliche Fassungsvermögen zu übersteigen scheinen (und es gerade dadurch nicht tun, dass sie immerhin noch scheinen (weil ein echtes Übersteigen wäre wohl kaum wahrnehmbar))), aber alle Dinge enden und, wenn sie einmal ihr Extrem erreicht haben, zurückkehren (wobei wir hier ein wenig illegal die Dimension der Zeit einbringen, die ja nichts weiter als eine kosmische Wilkkür ersten Ranges ist)? Ich jedenfalls hatte immer Angst vor der ewigen Hölle, und ich habe es immer noch (man verzeihe den aus dem von mir nicht gerade hoch geschätzten Christentum entliehenen Begriff der Hölle (jedenfalls kommt er heutzutage dort vor, oder jedenfalls im Kontext christlichen Diskurses) sowie den der menschlichen Wahrnehmung entlehnten Begriff der Ewigkeit): die ewige Hölle ist unwiderlegbar: das Begreifen dieser Tatsache ist, nebenbei getippt, eine Chance, in einem großen Satz ins Tao zu springen oder Zen zu blicken (aber nicht, Jesus zu werden, das ist zu nah an Begriffen): aber es erzeugt eine fundamentale Angst in einem so empfindsamen Wesen wie mir: konkret: ich könnte allein sein, einziger Geist, nicht in der Lage, diesen Zustand zu beenden, und dieses Leben träumend: und alle logischen Einwände (die ich mir selbst meisterhaft, glaubt mir, nennen kann) können subsummiert werden unter die Möglichkeit einer Täuschung, eines Denkfehlers, Fühlfehlers, Wahrnehmungsfehler, weil auch die innerste Realität noch wahrgenommen werden muss und somit Irrtümern unterliegen kann (zwingend unterliegt, würde hier Huineng sagen). Unglaublich, oder? Der Schritt, Zen zu begreifen (nicht zu begreifen natürlich) führt nah an der ewigen Hölle vorbei, ist in gewisser Weise die ewige Hölle (weil Sein Begriff ist und verworfen werden muss wie alle anderen Begriffe auch, weil die Einsicht in die Unmöglichkeit, die ewige Hölle zu widerlegen, identisch ist (ohne dass ich mit dem Begriff der Identität etwas sagen will) mit dem Schritt ins Tao).

Oha: ich rede von dem ersten Schritt. Der zweite ist schon kein Schritt mehr, und vom dritten können wir nicht einmal mehr in Negationen reden, und wer den vierten auch nur ignoriert, ist schon vorbeigeschlittert.

Woher kommt eigentlich dieses strömende Schreiben, dieses Text-Halluzinieren, dieses aus mir Fließenlassen von Gedanken, Fetzen, Ideen, Ängsten? Wer oder was schreibt? Was für eine alte Frage. Und warum ist dieser fieberhafte Wahn, in dem ich manchmal schreibe (oder immer schreibe, wenn ich schreibe), anders als ein Schritt-für-Schritt-Denken und -Schreiben, mit abgewogenen Sätzen, Kapitelüberschriften, Struktur, mit dem schrittweisen sich Annähern an ein System (an das ich grundsätzlich nicht glaube, aber das spiele hier keine Rolle, weil es um Quellen gehe und nicht um diese ausgenudelte Suche nach der Wahrheit, an die ich auch nicht glaube)? Es schreibt. Wo ist hier zum Geier ein Ich, und wenn da, was macht es dann aus? Was wird erleuchtet, was verzweifelt? Und doch fühlt etwas: und zwar Ich!. Gute Nacht.

01.12.03

Permalink 11:57:43, von Olaf Email , 642 Wörter, 661 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Alp

Nach einem anstrengeden Tag voller Programmierung, nach einem anstrengenden Wochenende voller Möglichkeiten, Weihnachten, Advent, TaiJiMen-Diskussion, Thanksgiving (Essen): ich (was ist das nochmal?) im Bett, Cohen singt von der Zukunft, neben dem Bett: 6 Zen-Bücher, 4 über das Dao, zwei Romane, eins über Thai-Küche, ein Atlas über frühe Geschichte und Völkerwanderungen, einiges Zeug mehr, neben mir im Bett Äffchen und Bruno, zwei Stofftiere aus meiner Kindheit (wo ich definitv ein anderer war (welches "Ich" ist ein anderer und welches "Ich" dasselbe? Interessant, die meisten Weisheiten werden sich eines Tages in allgemeinere, elegante, auch lebendige Formen bringen lassen)), Begleiter, ich weiß nicht ob von sich aus lebendig oder mit meiner Energie der Jahrzehnte geladen (oder, und so wird es sein: beide Möglichkeiten falsch aufgrund wie immer falscher Denkvoraussetzungen: was stimmt denn eigentlich noch? - und wenn letztendlich sowieso nichts stimmt: was hat denn zu was noch eine definierbare, nennbare Beziehung? Die coole Qualität am Dao ist nicht, dass es nicht nennbar, begreifbar sichtbar ist: weil das gilt auch für ausgerechnet alles andere). Verwirrung würde ich das meiste nicht nennen: der Verzicht auf Begriffe bringt eher Klarheit und Freiheit, wenn er nicht vollkommen beliebig geschieht, sondern stets von einer seltsamen, unsichtbaren, unfassbaren Energie (bzw.: Nicht-Energie) begleitet ist (in einigen der Zen-Bücher würde jetzt stehen: leer! Und ich bekäme einen Schlag auf den Kopf.

Alles was etwas gilt (eine Musik, ein Gedicht, eine Idee, ein Stofftier, ein Gespräch, eine Freundschaft, ein Schlaf, ein Essen, mehr) muss eine Energie haben (von mir aus ist der Audruck "Energie" - wie übrigens jeder andere auch - eine Metapher: "Metapher" ist in diesem Sinne leer): die Regeln nach denen sie fließt sind komplex: und wenn man Blödsinn lange genug macht (oder verbissen oder geduldig genug), wird er (oder sie) irgendwann gültig: die Gesetze der kosmischen (makro-, mikro-, mittelgroß-) Energien sind zuweilen recht komplex: man kann sie nicht niederschreiben, nur immer wieder neu erfassen: das verwirrt (besonders jene unter uns, die in letzter Konsequenz Beamte sind): mit den richtigen Augen ist es sehr lustig, wie öffentlich (oder auch in kleinen philosohischen Zirkeln, über die ich mich mit diesen Sätzen, wie auch über besagte Öffentlichkeit, erhebe, was ein Irrtum ist) vertretene, sehr ernste Thesen immer zu kurz, zu klein, zu temporär geraten (oder zu groß etc.): es gibt immer eine Perspektive, aus der eine Aussage falsch ist, und es ist immer eine vertretbare These (wenn auch nicht immer platt die Anti-These): und man kann sie immer finden: und die Welt wird leer (seit Huineng ist auch diese These falsch).

Alp: ich dachte an einen nicht gedrehten Film (inspiriert durch die ersten paar Sätze einer Kurzgeschichte von Stanilslaw Lem, die aber damit nichts (schon wieder dieses "Nichts", das immer genau so falsch ist wie das "Ich") zu tun hat), in dem sich Schwarz und Weiß (hier symbolisch wirklich alles vertretend, was man sich darunter vorstellen kann, und noch ein gutes Stück mehr) ewig bekriegen, wertfrei (zum Beispiel kann Weiß Schwarz nicht klarmachen, dass es doch viel schöner wäre, friedlich zusammen zu leben, nach der eigenen Facon selig werdend, jedes in seinem Land oder Energieband oder - bis auf den Punkt - in seiner Yin-Yang-Hälfte): Schwarz knallt Weiß mit einer Pistole ab, aber Weiß, getroffen zusammenbrechend, kann nicht sterben, wird sich wieder erholen, irgendwann wieder die Oberhand behalten und die Welt in seiner Güte ersticken; eine solche Welt ist ein Alptraum: der klassischste aller. Wie sind nur die 10.000 Dinge entstanden?

Indem ich schreibe, werde ich los: nicht alles ist wirklich verdaut ("verdaut" heißt hier: zerebral gestaut, gespeichert, verfügbar, durchdacht): vieles ist einfach ein Ausfluss, und da wir das "Ich" zur Zeit eher aufgelöst haben, sind Frage und Aussage, ob "Ich" damit zu tun habe, verfehlt: es geschieht einfach (im Maschinen-Sinne von Deleuze und Guttari).

01.10.03

Permalink 23:50:17, von Olaf Email , 1005 Wörter, 695 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Gedanken Midlife

Kurz vor Mitternacht, wird mir ein 10.000stes Mal bewusst, dass meine Tage endlich sind, die Anzahl an Stunden, die in die Erlebnisse passen, die ich noch vor mir habe, die wirklich bedeutenden Erlebnisse, wahrscheinlich kleiner als 400 (irgend eine Zahl), so viel kleiner als die Möglichkeiten, die sich noch vor Jahren in der diffusen Nicht-Schau auf die Zukunft versprochen haben. Und doch mag ich diese Erkenntnis (nimmt sie die männlichen Wechseljahre, begleitet von dem, was sie (die "älteren") "Midlife-Crisis" nennen (und zuweilen aber nur "Nightlife-Crisis" meinen), vorweg?). Ich weiß nicht, ob etwas von dem, was ich bis jetzt gefunden habe, Antworten sind, oder ob Fragen, die nie gestellt werden könnten (weil die Worte fehlten), in wieder und wieder anderen Lichtern erschienen sind: woher kommen wir, woher kommt überhaupt etwas, und wenn ich vor allen Polaritäten (fataler Weise den Grundlagen meiner Wahrnehmung) kein Ding an sich erkenne, dennoch: woher kommt es, und wie kommt es dass es existiert und nicht existiert, dass jeder Name, den ich einem Ding (und keinem Ding, könnte aus der Ecke gerufen kommen) gebe, mittelfristig von der Wirklichkeit abperlt wie ein gegen das falsche Haus Gottes geklatschter falscher Prophet (und auch Gott ist falsch, ob man seinen Namen nennen kann oder nicht)? Was ist, wenn ich die letzten 36 Jahre (die mein Alter sind) in zwei Mal 18 aufteile, in den letzten 18 Jahren geschehen, das sich grundlegend von dem unterscheidet, was normaler Weise geschieht (ihr wisst schon was ich meine)? Gut, ok, mein Ich hat sich aufgelöst, alle Begriffe haben sich als falsch erwiesen (alle), es gab ein wenig Glück, eine Stabilität - aber wenn ich all das vergesse (einschließlich der fragwürdigen Qualität dieser Frage, ja ich weiß, "wenn ich vergesse" was ist "vergessen", was "ich"), vergessen in einem tiefen Sinn jenseits einer liebenswerten (aber meist gegenübertragenden) Argumentation: was halte ich in den Händen (weil ich ja "vergessen" habe, kann ich diese Frage stellen, und ihr könnt nicht sagen "Nichts" oder "Was bist du?" oder ein Zen-Stockhieb; weil ich ja frage wie ein Tier (könnte es doch nur fragen), das ein bisschen intelligent ist)?
Anyway.
Woran misst sich das nicht Erlebte? Hier zum ersten Mal im Internet eine Liste zum Abstreichen:

  • An den Stunden vor der Glotze
  • An den Stunden im Kino geteilt durch zwei
  • An den höflich verbrachten Stunden
  • An den Jahren in Schule, Uni und Arbeit
  • Am Zögern
  • Am Scheitern
  • Am mit sich hart ins Gericht Gehen
  • An der Angst
  • Am Alkohol, am Haschisch
  • Am Smalltalk
  • Am Versuch, sinnvolle Zeit zu verbringen
  • An der zweitbesten Wahl
  • Am Zwang zur besten Wahl
  • Am Versuch zu leben
  • Am Versuch zu genießen
  • Am schlechten Wein
  • An der Verschlossenheit
  • Am gescheiterten Versuch der Offenheit
  • Wieder am mit sich hart ins Gericht Gehen
  • An ablenkender Musik (an Ablenkung überhaupt, aber Musik ist schlimmer)
  • An gleichzeitig voll und leer verbrachten Stunden
  • An Zwängen
  • An Schuld
  • An der Unklarheit (immer Folge von Angst)
  • An Halb-und-halb
  • An Unwesentlichem
  • An innerem und äußerem Lärm
  • An Stunden am Computer (besonders solchen mit dessen Konfiguration befassten
    und Spielen)
  • An Autofahrten
  • An Bildung um ihrer selbst willen
  • An Grammatik
  • An Ideen was man machen könnte
  • An Vorstellungen was man machen sollte
  • Am flachen Atem
  • Am falschen Lächeln
  • Am nicht ganz frischen Nachdenken

Ich bin 36 und noch jung. Mit 30 dachte ich genau so bewusst, mit 25 war das anders. Manche sind mit 20 fit. Und doch sind alle verschieden. Da soll sich jemand auskennen. Das Alter erzeugt Qualitäten und vernichtet andere. Der Deal ist nicht ganz fair, so als erwartete das Universum, dass man mit der Zeit in die Lage käme, für sich selbst zu sorgen: das grandiose Scheitern, das allerorten zu sehen ist, hat eine beinahe komische Dimension: die Menschheit, die Masse der Menschen, ist nicht zu verstehen: eine kleine Information (die irgendwie aus dem Bereich der Science-Fiction stammen müste) fehlt (etwa "dies ist ein kosmisches Gefängnis" oder "dies ist sowas wie ein Hühner-KZ, bloß dass die da oben uns Qi absaugen" oder "Fehlplanung, gut gedacht, aber nicht gut genug" oder "die Welt ist wie ich bin, wie ich sie wahrnehme" (nun, letzteres ist wohl war, aber das spiele hier mal keine Rolle, auch wenn es in der Tat (das meine ich ernst) der Weisheit letzter Schluss ist). Tja, zur Negativliste (wenn ich denn schon mal beim Werten bin) oben gibt es natürlich auch eine Positivliste, die ich euch nicht vorenthalten mag:

Woran misst sich das Erlebte? Hier:

  • An Stunden die klar sind
  • An Fülle, die nicht mit Leere vermischt ist
  • An Leere, die nicht mit Fülle vermischt ist
  • An Menschen DA sind
  • An Wachheit
  • An Ehrlichkeit
  • Am vollen Lachen
  • An Dingen die auf den Punkt sind

Hm: leider beginnt das sehr schnell wie ein Who-'s-who der besten Schund-Lebensratgeber zu klingen. Ich lasse es: wir wissen sowieso alle was gemeint ist, und jenseits davon haben wir keine wirklich Ahnung. Was sind Weise? Was ist Zen? Ich liege hier mit dem Laptop im Bett und greife nach der verlorenen Zeit, und die die gerade ist versuche ich mit meinen krampfenden Händen zu bremsen: wie sie durch die Tage fließt und meine Kraft mit sich reißt (und meine Schönheit, die immer etwas hinter der Zeit schleift): und begrabe mich in Notwendigkeiten, weil sie mich entschuldigen: aber am Ende (nach nochmal derselben Zeit, nicht zu fassen) werde ich damit nicht kommen können, wenn man mich fragt: "hättste dis doch mal schleifen lassen und wärst lieber raus gegangen und hättest die Leute geschüttelt und gebrüllt 'lass uns leben, lass uns um Himmels willen leben!', aber warum haste nicht? Warum haste Tag für Tag diesen Unsinn gemacht und warst froh dass er nötig war, froh daste nich rausgehen musstest?"

Was ist das, was ich genau nun tun könnte (von sollte will ich gar nicht fragen)?

06.05.03

Permalink 01:49:52, von Olaf, 491 Wörter, 631 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Koh Samet 2

erstaunlich spät, sowohl was die Zeit dieses individuellen Abends an geht als auch mein Leben: dabei bin ich noch jung, einiger Maßen (aber ich spüre die Angst vor der 40, die man nicht zugibt: ich erinnere das Vierzigwerden anderer, das gar nicht so lange her scheint, jener, die inzwischen 50 sind). Wir hinterlassen keine Spuren: und warum auch: Gräser, Rinder und Pilze hinterlassen auch keine (ja ich höre die „Allesistwichtig“-Fraktion: vielleicht hinterlassen wir auch alle Spuren, vielleicht haben wir alle unseren einmaligen, wichtigen Platz im grenzenlosen Kosmos): warum wir? Und warum gelangen wir manchmal (nach guten Filmen, intensiven Momenten (deren Seltenheit uns dann schlagartig klar wird und in der Annahme resultiert, dies könnte sich durch mehr Mut und eine andere Lebensführung verbessern) zu der klaren Erkenntnis, dass dies eine Katastrophe sei, mehr noch: tragisch? Ich weiß es nicht, aber es beschreibt genau das, was ich empfinde). Was kann überhaupt wichtig sein? Warum nicht ein Rehlein mit einer sanften, transparenten, ambitionslosen Existenz sein (schon gut: was weiß ich über Rehe? But you get the point), Gras fressend und an Bäumen nagend und (und damit den Bestand gefährdend) dann für immer von uns gehend, ohne Erinnerung an auch nur eine herausstechende Eigenschaft: und selbst wenn es eine Erinnerung gäbe, wenn das Rehlein so wäre wie Julius Cäser oder Dschingis Khan, so what: bedeutungslos (über die Definition von Bedeutung unterhalten wir uns an anderer Stelle, über deren tiefe, zeitweilig beunruhigende, aber zur Entwicklung umfassender Toleranz unverzichtbare Natur der absoluten Relativität). Also was (nein, eigentlich läuft es nicht darauf hinaus, jedenfalls nicht in seiner profanen philosophischen Form) ist der eigentliche Sinn des Lebens? Ich dachte immer: eine Form von Tanz, frei von Sinn, unmittelbar, gegenwärtig: aber leider kann ich nicht wirklich tanzen (und die Legehennen auch nicht, mein Gott: was tun wir da nur?). Einfach durchdrehen? Dem Drehbuch eines jener vielen, sehr vielen Filme mit dem gleichen Tenor folgen, dass die Gesellschaft in ihrer Verkehrung des natürlich Guten wahnsinnig sein und das irre Werden ein sinnvoller, romantischer, cooler, heiliger, ehrlicher Ausweg? Die Tiefe der Lüge in all ihren Ebenen scheint zuweilen unbeschreiblich: und dann sich wieder frei machen von dieser harten Betrachtung: denn alle Menschen haben ihre Bahnen, und Lüge und Aufrichtigkeit sind alberne Extreme von nicht existenten Kategorien: denn es geschieht einfach: und ist ohne manifeste Bedeutung.
Die Menschen um uns werden eines Tages fort sein (oder wir vor ihnen): wir wissen nicht, ob die Seele wandert, oder sich nur (nur) die Summe der Energiefelder, aus denen jedes Wesen (so meinen manche) besteht, transformiert, oder jegliches Muster, das in irgend einer Korrelation zu dem Wesen, das da zu existieren glaubte (denn mehr ist es nicht), steht, vollkommen verschwindet: was wenn ja, was wenn nicht?
Ich muss schlafen: ich wünsche mir, nach 36 weiteren Jahren entspannt und belustigt auf ein seltsames Leben zurück zu blicken, unverbittert.

04.05.03

Permalink 21:55:55, von Olaf, 631 Wörter, 634 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Koh Samet, Thailand

Einundzwanziguhrfünfundfünfzig ist irgendwie eine typische Zeit: vielleicht hat es früher, als wir noch fernsahen, eine Sendung zu diesem Termin gegeben. Inzwischen aber sitze ich einsam und nicht ganz überzeugt von dem, was ich mir selbst dazu sagen möchte, in meinem Zimmer und warte, dass mich ein Engel anspricht und mir viel von der Last nimmt, die ich nach 36 Jahren noch immer nicht benennen kann und die mein Leben, das eigentlich schön, angenehm, aufregend, sinnlich ist, nur in Rückblicken oder Vorstellungen niemals eintretender Dinge (die aber zu diesem Leben zu passen scheinen, meint meine Phantasie) in positivem Lichte erscheinen lässt: in der Gegenwart selbst aber, jenem Ort, nach dem wir, die wir den Meistern der vielen Schulen der Meditation, die die Menschheit hervorgebracht hat und noch immer hervorbringt (manche ein lauer Aufguss vergessenen Wissens, das noch irgendwo im kollektiven Unbewussten schwebt und in Bierlaune von den entsprechenden langgewandigen ProtagonistInnen aufgefangen und - kurz modernisiert - weitergereicht wird, sei es in der Hoffnung auf Mammon, Ruhm oder göttlichen Lohn), Glauben zu schenken gewohnt sind, das eigentliche Ziel menschlicher Existenz darstellt, habe ich (habt Ihr den Faden dieses Wurstsatzes noch?) nie (mit wenigen pathologischen Ausnahmen, die ich hier lieber nicht beschreibe) genug "loslassen" (weil ich ja von "Last" schreibe) können, um wirklich, ganz und gar entspannt, ohne Reiberei mit dem was nicht ist aber unbedingt sein sollte, einfach zu sein. Und auch hier und jetzt, allein, mit mir und meiner Arbeit (die viel ist, was wirklich eine Neuigkeit auf einer Reise ist), ohne die Chance, willentlich zu guten Kontakten zu kommen (eine Einsicht, die ich mir endlich gönne), aber hungrig danach, im gleichzeitigen Bewusstsein der Beschränktheit beinahe aller Kontakte (genau die wertvollen sind es, die nicht Teil dieser genannten Menge sind), scheitere ich in dem Versuch, "kontaktzufasten", einfach allein zu sein, ein "solitary confinement" ("refinement", wie Rollins es erfunden hat), scheitere am "einfach sein Lassen", gleich ob eine schöne Beziehung in einem schönen Zuhause, eine angenehme Arbeit mit guten Leuten, eine Sicherheit (an die ich nie wirklich glaube, aber das ist ein anderes Thema), gleich ob ich all die Dinge habe, von denen so viele träumen. Ich kann nicht entspannen (derselbe Satz in profanerer Form). Alles ist gut, und das ist es nicht. Und ich weiß das schon lange, und das Wissen erreicht mich nicht.
Auch dass ich mir die Unfähigkeit, über meinen Schatten zu springen, vergeben habe (durchaus ein hehres, erreichtes Ziel, eins von den hehren Zielen, die erreichbar sind, keins von jenen, die, aufgrund welch seltsamer als anerkannt geltender Theorien auch immer, als erreichbar gelten, aber es in Wirklichkeit ("Wirklichkeit", hach, andere haben dazu viel gesagt) nicht sind), ist nicht von Bedeutung in diesem Zusammenhang. Auch dass mein Leben immer besser wird nicht. Auch die Liebe, die Sicherheit nicht. Auch die Einsicht nicht (stimmt, meine Damen und Herren Autoimmunisierer, ob Ihr aus der Gattung der Psychoanalyse kommt oder der Tiefenreligion: es kann sein, dass mir die Einsicht bislang verwehrt geblieben ist; dass ich immer noch rudere im Dunkeln; und ich stimme dem zu: aber dies ist kein Pferd mehr auf das ich setzen mag, die "Eswarnurnichtgenug"-Idee ist so alt und so krank wie die Menschheit selbst: schlimmer noch, "Es war nur nicht genug von demselben" (spaßhaft getoppt von "Nur noch ein bisschen mehr, vielleicht genügt es dann") ist eine Sackgasse: es ist die klassischste aller klassischen menschlichen Sackgassen, Treibsandsackgassen, schwer zu entrinnen: sie ist nicht nur aktiv in dem großen Feld der Suche nach dem inneren Frieden, sondern auch in Beziehungen ("irgendwann muss es doch…") und fast überall sonst). Die Unruhe, der Schmerz bleibt. Immer. Es gibt Hollywood nicht: es ist unser drittes Elternteil, aber (genau wie die beiden anderen!) ohne Entsprechung zur Realität.

Olaf Schreibers Blog

So fängt es an: ich blogge. Es gab immer mal wieder ein paar Leute, denen der Ausfluss eines mit mir identifizierten Hirns gefallen hat, drum teste ich es mal so.

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