Archiv für: Dezember 1999

31.12.99

Permalink 16:42:00, von Olaf, 979 Wörter, 527 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Ich sitze hier, am Vorabend des Weltuntergangs, und frage mich: was soll ich tun?

Nicht etwa: was soll ich tun gegen den Weltuntergang morgen, denn der findet vielleicht gar nicht statt; sondern was soll ich überhaupt tun?

Ich liebe es, in diesem Zustand zu sein: mir diese entscheidende Frage stellen zu können, die ich meistens vergessen habe (nicht aber mein Körper, der sich darunter krümmt). Angeblich ist meine Zeit, die noch nicht abgelaufen ist, dennoch verteilt unter Notwendigem: das glauben die anderen, und das glaube ich auch: und wenn das Notwendige Spaß macht, bleibt vielleicht gar kein Zweifel am Ende des Tages kleben. Wenn ich das Geld verdiene, das meine Gene fordern, und vielleicht noch etwas mehr (wie es meine Kultur fordert und meine Bequemlichkeit und mein Neid und mein Wille zur Macht); wenn ich sozial entfaltet bin und auch in diesem Sektor dem Verlangen meiner Gene (oder und meiner Psyche) ausreichend entsprochen habe (Menschen, Liebe, Freundschaften); wenn ich schließlich die (heutzutage scheinbar wenigen, aber noch immer zeitintensiven) körperlichen Notwendigen verrichtet habe (Stuhl, Essen, Gesundheit, Sport, Haare, Nägel, Popel, Zähne, Hygiene); wenn ich dann noch den Mülleimer heruntergebracht habe (als brillantes Symbol für sämtliche Tätigkeiten dieser (zum Beispiel häuslichen) Sparte); wenn ich also all diese Dinge erledigt habe (wir erledigen sie alle, jedeR für sich selbst, mit Ausnahme vielleicht des Mülleimers und des Geldes (das eine macht für den andern oft noch die Frau, das andere für die eine oft noch der Mann - wenngleich erstere zurecht eine Korrektur beider Aufgabenzuordnungen fordert), bleibt mir vielleicht (denn ich wohne in Deutschland und bin kein Yuppie oder Geschäftsmensch (d.h. ich bin nicht meiner Bequemlichkeit, meinem Neid oder meinem Willen zur Macht unterworfen)) noch ein wenig dieser (wie wir gesehen haben: kostbaren) Zeit übrig, am Ende des Tages oder auch mal eine Woche lang oder ein Jahr, je nachdem wie ich mich organisiere oder wie ehrlich ich zu mir bin. Seltsam: in dem Kader der selbstverständlichen Notwendigkeiten fehlen meine (und eure) psychische Intaktheit (was immer das ist und wenn es derlei überhaupt gibt, aber ihr wisst was ich meine) und ebenso der Welt Intaktheit (die gibt es nicht, aber setzen wir das Wort Intaktheit einfach mal an eine neue Position und definieren es als: Zustand, in dem das Objekt noch gerade so überlebt - in diesem (minimalen) Sinne sollte mich der Welt Intaktheit zumindest interessieren, weil sonst alle obigen Sparten, für die ich soviel Zeit aufwände (sic! die neue Rechtschreibung), hinfällig sind: oder aber bin ich Psychot (gutes Wort) und agiere auch so?).

Wie dem auch sei (und wie immer es dazu kommt), ich beende also dieses Jahrtausend mit einem bestimmten Kontingent freier Zeit. Ich nutze sie, um mir die entscheidende Frage zu stellen, die ich, wie gesagt, meistens vergessen habe: was xxll ich tun (xx = {so, wi} - wo, wenn ich hier bin, wo es zu kosmischen Dingen kommt, ist der Unterschied zwischen wollen und sollen)?

Um mich einer Antwort zu nähern, ohne mich zu tief in der unmöglichen Mission, meinen Standort zu ergründen, zu verlieren, messe ich meine psychische Landschaft ein wenig gröber ab: meine Tiefen sind unergründlich (jedenfalls für mich), mein Schmerz scheinbar endlos (ich habe noch nicht so viel erlebt), meine Fähigkeit zur Freude hingegen begrenzt; hier ist es warm und angenehm und gemütlich; irgendwo da draußen (und zuweilen dringt es hier herein, wo es nicht sein soll und wohin es wir - einem Zwang entsprechend - doch immer wieder holen) werden Menschen gefoltert und ermordet, Kinder und Frauen von Männern vergewaltigt, Tiere gequält, es fließt Öl in die Meere, und die Wälder sterben; instinktiv halte ich das Leben für einen seltsamen Traum (als würde ich mich an das Erwachen erinnern); instinktiv glaube ich an die Rettung meiner Seele (und zweifle zur gleichen Zeit: ist die Wahrheit zu schrecklich?); instinktiv glaube ich, verdammt zu sein zum Schmerz (und fühle, dass ich vor einer Erlösung fliehen würde); wie in einem Nebel hoffe ich auf eine wundersame Errettung der Welt (und irgendwo - an der fernen Rändern meines Gehirns, wo ich all die schrecklichen Dinge bin, die in der Welt geschehen - wünsche ich mir ihren Untergang: sehne mich nach der Freiheit der Destruktion (aus derselben Sehnsucht heraus wurden und werden all diese Filme gedreht, die im New York nach dem Atomkrieg, in der Wüste nach der ökologischen Katastrophe, in den Städten nach der Überbevölkerung spielen - etwas in uns sehnt es herbei, anders als seinerzeit die Menschen (manchmal auch die Frauen) die Kriege zu sich holten, aber ähnlich)); diffus treibe ich durch die von den Therapien trockengelegten Sümpfe meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart (und ahne ihre Impotenz und ihren Teilcharakter): ich glaube an den Einfluss von Hormonen, Energien und Glaubenssätzen, und weil es drei sind, würden meine Händer gerne arrogant jonglieren (denn was ich denke, fühle und schreibe sind ungewollte Kinder dieser unseligen Trinität, die unserer Vorstellung von menschlicher geistiger und seelischer Freiheit so erbarmungslos ins Gesicht lacht: und haben sie nicht recht? Hat nicht so ein reifer Mensch, den ich in mein Inneres lasse und der sich darin sehr behutsam bewegt und sehr genau sieht, recht, wenn er oder sie meine Motive ergründet und sie mir offenlegt? Wie viele Ebenen hat die Welt? Mehr als ein Mensch, oder weniger? Oder handelt es sich nicht um meßbare, vergleichbare Größen? Will ich Herr dieser Komplexität werden? Nein, ich bin glücklich dabei, ungeordnete Gedanken von meinen Tapeten zu plücken und niederzuschreiben und (ganz psychoanalytisch) auf eine unsichtbare Instanz zu hoffen, die sie sortiert - oder aber sie sind wie ein Rausch und können von Rausch zu Rausch kommuniziert werden, ohne Umweg über die (präzisen, aber beschränkten) höheren Gehirnzentren).

Was also soll ich tun?

Olaf Schreibers Blog

So fängt es an: ich blogge. Es gab immer mal wieder ein paar Leute, denen der Ausfluss eines mit mir identifizierten Hirns gefallen hat, drum teste ich es mal so.

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