Archiv für: August 1999

31.08.99

Permalink 22:24:21, von Olaf, 2486 Wörter, 543 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Der Tag der Offenbarung

Von all den Endzeit-, Untergangs- und Katastrophenmythen, die für die Jahrtausendwende und die Zeit danach angekündigt sind, finde ich wenige reizvoll: ohnehin nicht im perspektivischen Sinne: ich möchte nicht verbrennen oder mit 20 anderen (die von allen die letzten sind) unter einer Eiche sitzen: aber auch nicht von ihrer inhaltlichen Qualität: wir sterben, und die Erde brennt, aus dem Meer steigen Ungeheuer, der Anti-Christ kommt, Asteroiden knallen auf die USA, die reagieren mit Atomkrieg: das ist schrecklich, aber nicht unnormal: viele Menschen erleben derlei in ihren Wohnorten bereits: sie sterben, sie verbrennen (Gasexplosion), sie werden umgebracht, massakriert: all das gibt es: sollte die Qualität des Weltuntergangs lediglich darin bestehen, daß das Ausmaß größer (ok: viel größer) wird?

Phantasielos!

Langweilige Mythen: alles wird einfach ziemlich schlimm. Viele Tote, irgendwo irgendwelche Viecher, die fies aussehen und aus dem Meer steigen; Schwefel, der vom Himmel fällt. Aber all dies ist nicht neu (schaltet mal die Nachrichten ein).
Eine der wenigen schönen Dinge an der Bibel ist, daß "Apokalypse" "Offenbarung" heißt, auch "Enthüllung" (ok, es heißt auch "Grauen", "Untergang"): dies ist nichts neues und gehört zum gerne zitierten Wortschatzwissen des Bildungsbürgertums, aber ist dennoch schön (niemand kann wirklich Worte oder Schönes vernichten durch seine oder ihre Blödheit: will sagen, dadurch, dass einem Nazi etwas gefällt, ist dieses Etwas noch nicht schlecht: ein verbreiteter Irrtum,der sich immer wieder in unsere Instinkte schleicht). "Apokatastase"; weniger bekannt, ist sie soviel wie die Wiederkehr der allgemeinen Vollkommenheit zur Weltendzeit: auch das erwarten einige (ich nicht).
Ich möchte mich (denn Ich ist um was es hier wie immer geht) meiner persönlichen Variante zuwenden, die ich instinktiv für wahrscheinlicher (und zunächst schrecklicher, weil ich davor wirklich Angst habe, jene tiefe Angst nämlich, die mich ausmacht und meinen Charakter gestaltet; und nicht die gesunde Angst, die wir haben, wenn ein Leopard oder ein Wildschwein ziemlich sauer daher kommt) halte als die (von den Leuten mit den Schildern, den ChristInnen und ein paar anderen) propagierten Versionen der Endzeit: einem (leider vielleicht leicht moralischen) "Was-Wäre-Wenn" ("WWW", darum auch "www.olafschreiber.de", "Was-Wäre-Wenn.OlafSchreiber.doch-er-selbst-wäre?"):

Was Wäre Wenn die Apokalypse die Offenbarung aller Taten, Gedanken und Gefühle aller Menschen wäre?

Wenn alle Taten, Gefühle und Gedanken von göttlicher Hand im Internet (www.taten-gedanken-und-gefuehle.god – ja, unter einer eigenen gTLD) veröffentlicht würden, einzusehen für alle Interessierten, praktisch die finale Prüfung, das jüngste Gericht, die terminale Rechtfertigung, die Zwangsbeichte etc...

Was wäre dann? Legen wir uns hin und phantasieren und lernen (etwas über uns). Betrachten wir die Ebenen der Offenbarung, die Felder, in denen sie wirkt...

Auf der politischen Ebene
Wir könnten unter www.search.god nachschlagen unter "Kennedy and murder" und erhielten vielleicht die ganze Story von CIA, Oswald (in die Schuhe geschoben) und den Illuminaten – vielleicht. Wir könnten suchen nach "RAF and dritte and Generation" und würden herausfinden, wir der BND die dritte Generation der RAF erfunden hat, wie die Öffentlichkeit getäuscht wurde, wer sich täuschen ließ, wer den Mund gehalten hat und warum solche dreisten Lügen möglich sind. Wir würden herausfinden, wieso die schmutzigsten Geschichten in Büchern veröffentlicht und belegt werden können und dies keine oder kaum Folgen hat (außer es wird in die Öffentlichkeit geprügelt). Wir könnten die Geschichte all der Kriege herausfinden, die Machtinteressen. Von hier ausgehend könnten wir uns tiefer in die Persönlichkeiten der Mächtigen hinein hyperlinken und alles herausfinden: die ganze schreckliche Geschichte der Menschheit, all die Lügen der Führer, die Verbrechen der Völker, deren Kinder wir sind und von denen wir protestierend profitieren. Was für eine Wohltat wir erleben könnten (wären da nicht die anderen Aspekte der Offenbarung) : endlich Gerechtigkeit. Endlich!
JEDER gefolterte Mensch würde namentlich erwähnt, zusammen mit den Namen seiner Peiniger (hier genügt die männliche Form), mit detaillierter Darstellung der ihm angetanen Grausamkeiten (nein: die Offenbarung wirkt so tief, dass sich die sensationsgeile Masse nicht hieran aufputschen, aufwerten oder sexuell erregen kann).
All die Tiere, die in den zivilisierten aufgeklärten Ländern, die in einem süßen Kanon die Greuel des Dritten Reiches verurteilen, auf der Fläche ihrer eigenen Größe dahinsiechen und schließlich hingerichtet werden (und – aufgrund von EU-Subventionen – weggeschmissen, oder beim Fleischer weggeschmissen (weil sie niemand kaufte) oder in schlechten oder guten Gerichten zu dekadentem Fraß (siehe auch hier) transformiert werden), werden mit einem Foto dargestellt, ihre individuellen Charaktere ("Porky war voller Sehnsucht") ausführlich geschildert und schließlich mit der Liste der Namen und Adressen all der Menschen, die sie gekauft, gefüttert, gequält, verspottet, ausgewählt, künstlich befruchtet, mit Antibiotika versehen, die 1.500 km zum Schlachthof gefahren, getötet, abgepackt, gestempelt, gekauft, gekocht und schließlich verzehrt haben, im Internet veröffentlicht.

Jegliche Korruption wird im Internet nachzulesen sein. Alle Lügen, alle Wahrheiten, die Fakten unterschlugen, alle jämmerlichen Berichte über nichts werden aufgeschlüsselt.

Imagine this: ALLES Wissen, jegliches Geschehnis, jedes Geheimnis wird offenbart und, praktischerweise, im Internet veröffentlicht. Ein paar Leute haben schon vorher darauf hingewiesen, dass es gut wäre, derart zu leben, dass einer/einem dies nichts ausmachte.

Auf der persönlichen Ebene
Hier wird es hart. Unsere vielen, vielen, vielen kleinen und großen Lügen, unsere Phantasien werden offenbart, über das Internet zur Verfügung gestellt. Sucht nach "olaf and schreiber and phantasien", und ihr werdet alles wissen. Tippt eure eigenen Namen ein, und ihr werdet die Augen schließen wollen. Lest, was ihr immer wußtet, aber niemals wach im Bewußtsein haben wolltet, niemals aus seinem dämmerigen Sumpf befreit wissen wolltet. Könnt ihr euch ausmalen, was sein wird, so grenzenlos und frei? Ihr werdet lesen, wie ihr in eurer Beziehung verharrtet aus Bequemlichkeit und Angst, wie ihr die Berührung dieser und jener Person gesucht und genossen habt und dann geflohen seid, wie ihr töten wolltet, quälen, wie ihr haßtet.

Die Menschen, die bei euch damals im Mai zu Besuch waren, werden endlich lesen, daß ihr froh wart, als sie wieder gingen, sie werden über sich selbst lesen, wie sie das eigentlich in euren Augen gesehen haben und sich nicht eingestehen wollten.

All ihr Frauen, die ihr an euren Männern haften bliebt, obwohl ihr um ihre Idiotie und ihren Narzissmus wusstet (selbst schuld?: ihr wart zu schwach, obwohl ihr wusstet – haha: Wissen ist Stärke nicht!). „O Karl, es ist so schön mit dir...“ (meint: "Bitte lass mich nicht allein").

All die Momente, in denen ihr (wir!) in Phantasie getränkt durch die Straßen liefen in der Hoffnung auf eine andere Realität, müssen wir bezahlen (wir hätten doch lieber gleich meditieren sollen).

All die paranoiden Aktionen unserer Eltern, die wir unterstützten, weil wir ihnen ihren Irrtum nicht in die Augen sagen konnten – wie sie unsere Seelen verbrauchten, um ihre eigene Unrast zu besänftigen.

All die Momente, in denen wir mit viel Geschick schleimten und falsch Zeugnis ablegten... (wir wollten die Sache, den Job, den Menschen unbedingt haben).

All die "kleinen" Kleinen KLEINEN Lügen, die winzigen Unwahrheiten zwischen Tür und Fluchtweg, die "Ich hab dich angerufen, aber es war immer besetzt", die "das war ein richtig geiler Urlaub, ging’s uns gut, ach ja", die "Hach ist das schön hier", die sorgenvollen Mienen, wenn andere – Freunde – uns ihr Leid erzählen (gar nicht unbedingt klagen), Freunde, die wir mögen und wollen und denen wir deswegen zuhören, obwohl wir kein Interesse haben ODER uns ihr Leid freut (ja: hier bitte mal so richtig ehrlich sein).

All die "Ich hab alles versucht!"...

Lest dann eure eigenen Phantasien nach: mit wem hätte ihr gerne verkehrt? Von wem wärt ihr gerne bewundert worden (was sagt das über euch aus?)? Welche Personen tauchten, bereits kurz nachdem ihr mit dem Mann/der Frau eures (sinnlosen) Lebens zusammengekommen wart, in euren sexuellen Phantasien auf? Was hättet ihr gerne erlebt (ging aber nicht, weil)? Was hat euch WIRKLICH gefallen (ohne dass es einer Idee des guten Erlebnisses bedurfte)? Was wäre Kontakt gewesen?

Und dann – endlich – die Zukunft nach der Offenbarung
Der tausendjährige Frieden

Endlich keine Lügen, keine Verstrickungen mehr. Wir sind durch schlimmste, peinlichste Enthüllungen gegangen und endlich aufrichtig. Wir haben den Menschen ins Gesicht gesehen, die wir damals belogen haben, denen wir nicht sagen konnten, dass wir sie nicht liebten, denen wir ihre Verfehlungen nicht erklären konnten, weil wir sie nicht verlieren wollten. Unsere Seelen entspannen sich, unsere Körper entkrampfen. Unser Gewissen wird zum überflüssigen psychologischen Organ (ihm kann nicht mehr schlecht werden). Manche Menschen haben schon Zeit ihres Lebens so gelebt. Warum haben wir es nicht vorher geschafft, uns und andere nicht mehr zu belügen? Es war doch gar nicht so schlimm. Einige Wochen völlig fertig in der Ecke hängen, dann sich ganz leicht fühlen. Warum sind wir lieber ganze Leben lang mit diesen Gewichten auf unseren Schultern herumgelaufen und haben unsere Tage ruiniert?

Eigentlich gibt es diese potentiellen Webseiten, von denen ich hier schreibe, schon lange: jedes gute Buch ist so eine:
jedes gute Buch ist eine Entschlüsselung des Alltags
(in dem sich die wahren Zustände der ProtagonistInnen spiegeln); es ist beschäftigt mit der Betrachtung der wirklichen Zusammenhänge. Jedes schlechte Buch ist konstruiert aus Moral, Wunschdenken oder füttert mittels Bestätigung und Lüge unser Streben, der Apokalypse zu entgehen.

Auf der kosmischen Ebene
Wir könnten die ganze Wahrheit wissen (all die Fragen der Pubertät und der später noch Lebendigen):
Gibt es das Nirwana? Gibt es Gott? Sind wir unsterblich? Werden wir wiedergeboren, und wenn, was behalten wir dann von unseren früheren Leben? Werden unsere Erinnerungen in einer riesigen Datenbank gespeichert, und können wir eines Tages darauf zugreifen? Ist Zeit eine Illusion? Ist Zeit absolut? Können wir aus der Zeit hinaustreten? Sind wir aus der Zeit ausgestiegen, wenn wir tot sind? Was war vor der Zeit? Suchen wir uns unsere Eltern aus? Wählen wir unser Schicksal? Haben wir einen freien Willen? Wenn ja, wie kann das gehen? Was ist der Sinn des Lebens? Ist er gegeben, oder können wir ihn uns aussuchen? Ist das Universum logisch? Gibt es Außerirdische? Ist Gott ein Mann? Wenn ja, was macht Ihn zum Mann? Ein Penis? Wenn er einen Penis hat, wo tut er ihn dann hin? Onaniert er? Wenn er keinen Penis hat und ein Mann ist, warum ist die Kirche dann gegen Transsexuelle? Wenn er eine Frau hat, wer ist es? Maria kann es nicht sein, denn wenn er sie gefickt hat, dann ohne Verwendung seines Schnullibert (denn sie ist Jungfrau).
Ist Mathematik naturgegeben oder erfunden, oder ist die Natur erfunden und mit ihr die Mathematik? Was sind die kleinsten Teilchen oder die fundamentalen Energiematrizen? Müssen wir durch Leid gehen, um zur Erleuchtung zu kommen? Machen wir die Realität selbst, oder machen wir nur unsere Realität? Gibt es andere Menschen außer uns? Bilden wir uns alles nur ein? Wenn wir uns alles nur einbilden, warum sind wir dann in unseren Träumen so durchschnittlich und so wenig heldenhaft? Kann es überlichtschnelle Raumfahrt geben? Gibt es eine objektive Realität? Ist der Islam wahrer als das Christentum oder genauso beknackt? Können widersprüchliche Wahrheiten gleichzeitig existieren? Gibt es eine mathematisch-physikalisch-naturwissenschaftliche, korrekte Weltformel? Ist der Orgasmus etwas Kosmisches, oder soll er uns nur zur Fortpflanzung animieren? Schützen uns Gesetze vor uns selbst, oder würde uns Anarchie in eine innere Wahrheit treiben, die nach außen dringt und das Zusammenleben reguliert? Sind Frauen anders als Männer, von biologischen Fakten einmal abgesehen? Welchen Einfluß hat die Biologie auf das Bewusstsein? Gibt es Schicksal? Ist der Untergang der Menschheit vorherbestimmt gewesen? Können wir schuldig sein, und wenn ja, vor wem? Oder können wir nur vor uns selbst schuldig sein und uns selbst vergeben? Warum macht diese Betrachtungsweise soviel Sinn? Was ist Musik, und warum kann sie schön sein (wie kann eine Folge von Vibrationen solches Entzücken hervorrufen)? Warum habe ich mich an mich selbst zwar gewöhnt, bin aber nicht wirklich mit mir identifiziert (wenn ich GENAU in den Spiegel sehe, merke ich, dass ich ein anderer bin)? Wann ist etwas gut? Warum kann zwischen Gut und Schlecht oder auch Gut und Böse unterschieden werden? Gibt es prinzipielle Unterschiede zwischen Gute und Böse? Sind Gut und Böse antagonistisch? Sind Gut und Böse analog? Gibt es Gut und Böse? Warum, wenn es Gut und Böse gibt, finden böse Menschen das Böse dann nicht offiziell gut (sondern haben eigene, wenn auch unbewußte Vorstellungen von jenen Strukturen)? Sind Gut und Böse in ihrem Gegensatz (ist dieser dialektisch) der Motor des Universums und somit notwendig (ist also auch das Böse gut?) (und das Gute böse?)? Ist die Zahl ZWEI wirklich etwas besonderes? GIBT es Gegensätze? GIBT es etwas "Benanntes", oder handelt es sich bei allem Existenten um im weitesten Sinne geometrische Figuren, denen WIR Gestalt und Namen und Bedeutung geben? Sind Raum und Zeit quantisiert? Gibt es etwas (egal was) Unendliches? Warum lachen wir? Impliziert jedes Lachen die Verletzung einer Entität oder eines Wesens? Warum schlafen wir? Ist das Gewissen ein REINES Artefakt, oder hat es Verbindung zu einer kosmischen Moral? Gibt es Moral (oder nur die, die wir erfinden)? Gibt es Geister? Gibt es Zeitverschwendung? Warum sind wir?

Und nun ICH:
Hier, auf diesem freien Weiß, könnte ich anfangen. Jenseits der Möglichkeit des Exhibitionismus (die das Internet heute bietet und die ich für meinen Gedankenstrull ausnutze) liegt die Chance, dieses Weiß (die Stellen auf der Seite, die hinter denen kommen, die ich gerade vollschreibe) zu füllen mit meiner eigenen Wahrheit, einer gesammelten Aufrichtigkeit, einer privaten oder eher persönlichen Apokalypse. Ich sitze hier und weiß alle diese Dinge: ich KÖNNTE wahr sein. Ich könnte alles sagen, und das würde meine Seele befreien (DIES ist gerade der Sinn der Beichte, die später die Psychoanalyse wurde). Warum reicht es nicht, das alles zu denken? Warum sollte die Rede, die geronnener Gedanke ist, befreiender sein als die Mitteilung: nur weil wir von 2.000 Jahren Leidensmythen indoktriniert sind? Warum will ich mich (mit)teilen? Einer Welt, in der es vor Schwachsinn wimmelt und deren schwachsinniger Teil ich bin?

Für den Moment borge ich die Rhetorik schwachsinniger PolitikerInnen und behaupte: diese Fragen werden zu klären sein.

Aber ich halte mich glücklich in einer Feststellung auf, wohne vielleicht darin, die ich mit euch (den wenigen, die in der Weltgeschichte diese Zeilen mit mir erleben) teile: wir können alles denken.

03.08.99

Permalink 00:30:00, von Olaf, 333 Wörter, 492 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Über die Entstehung meiner Phantasie

Was wir haben sind Phantasien: weil unsere Leben letztendlich so leer und unbedeutend, so wiederholt und kopiert sind, daß ihr Inhalt nur in schwachen Stunden, vielleicht alkoholisiert, dumpf oder in sonstiger Euphorie erträglich erscheint (ja, vielleicht gibt es die Ruhe, in der wir über den Dingen schwebend, akzeptierend, das Kleine liebend, mit uns im Reinen sind: aber nicht für mich, und schon gar nicht bald, schon gar nicht als Perspektive, nur als trügerische Hoffnung, die mich über den Tag hievt...). Ich war in Mitte, zur Montagsbar, nach dem Badminton mit Matthias, und mir (und auch uns) fiel die Art der herrschenden Gespräche auf, die der Tischnachbarn und unsere eigenen: ihre Semantik, die Formulierungen, der Tonfall: alles geklaut, alles schon gewesen, alles Abklatsch einer herrschenden Kultur. Die Kleidung selbst der ausgefeiltesten Leute ist zurückführbar auf den sogenannten Zeitgeist: und was macht's? Es ist nur schön, diese Dinge zu wissen.

Mein persönliches Leben, das inmitten dieser Welt Atemzüge zu tun versucht, ist davon betroffen: ich suche Lösungen. Manche gebiert meine Bitterkeit, die sich hervordrängt, allem was ich habe zum Trotz: beinahe psychotisch traktieren mich blödsinnige Sehnsüchte: werde ich neidisch auf Zeug, das mir hier zu peinlich ist zu erwähnen (na, so schlimm ist es auch nicht): was andere haben, was ich will, weil ich damit eine Erlösung verbinde: und gleichzeitig weiß, daß es diese nicht ist, die ich suche. Wieviel Zeit ist mein Organismus mit längst durchschautem Unsinn beschäftigt, der an der geistigen Oberfläche herumturnt? Achtzig Prozent?

Weil das Leben meine tiefen leeren Töpfe nicht füllt, und weil ich noch nicht gelernt habe, auf den Versuch der Füllung zu verzichten, erzeugt eine offensichtlich intelligente und von mir selbst auf seltsame Weise halbgetrennte Instanz meines Organismus Phantasien. Manche erscheinen als Tagträume (oft solche, die mir Selbstbestätigung geben, weil ich tolle Dinge erreiche), manche als Möglichkeiten, die wesentlich Fakten des Universums erklären.

02.08.99

Permalink 23:11:13, von Olaf, 709 Wörter, 558 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Wie des Menschen leben funktioniert - Wie es kommt, daß manche Menschen mehr Glück im Leben haben als andere, daß sie besser aussehen, mehr Geld haben, mehr Sex, berühmter sind, cooler sind, bessere Eltern haben, einen angenehmeren Job haben, nicht gefoltert werden, mehr FreundInnen haben usw.

Und daher kommt es:

Bevor die Menschen geboren werden, erhalten sie entsprechend dem Guthaben ihres Karmakontos eine Anzahl Gutscheine, die gegen bestimmte Aspekte ihres zukünftigen Lebens eingetauscht werden können. Für jede Tier-, Pflanzen oder Geisterrasse gibt es ein bestimmtes Intervall an Karmapunkten, die die Leute (oder auch Tiere oder Pflanzen oder Geister oder vielleicht Steine) haben müssen, um als solche reinkarniert zu werden (für eine Giraffe brauchen wir 2.000 Punkte, jeder Zentimeter Hals schlägt mit 30 zu Buche; um als Baum geboren zu werden, brauchen wir 1.800 Punkte, als Grashalm lediglich 10). Deswegen unterscheiden sich beispielsweise die Menschen, die auf der Erde leben, nicht allzu sehr voneinander, was die Summe ihrer Qualitäten angeht: hier finden wir nur Individuen, die zwischen 3.800 und 4.050 Punkte angesammelt haben. Affen (und viele andere höhere Tiere) liegen bei 3.200 bis 3.799, manche (wie Yetis und Blauwale) bei über 4.500 (was der überheblichen Idee, der Mensch sei die Krone der Schöpfung, widerspricht).

Betrachten wir die Menschen: Bevor wir geboren werden, erhalten wir eine Art Fragebogen, auf dem wir die Punkte für unser künftiges Leben dessen einzelnen Aspekten zuweisen können. 3.500 Punkte brauchen wir allein für die Reinkarnation als solche: dies sind die Grundkosten (wir könnten wählen, als Tier wiedergeboren zu werden, aber das minimiert unsere späteren Aufstiegschancen - außerdem will das niemand, weil Tiere heutzutage gejagt und ausgerottet werden oder in der Massentierhaltung enden. Lediglich Hunde und Katzen sind begehrt). Von der verbleibenden Punkten könnten wir 50 Punkte für unser Aussehen aufwenden, 100 für unsere Intelligenz, 20 für unsere Musikalität, 40 für unsere Gesundheit, 50 für unseren Wohlstand, 70 für unser Lebensglück, 80 für die Möglichkeiten spiritueller Entwicklung, die sich in unserem Lebenslauf auftun werden (ja, diese Wahl geschieht jenseits der Zeit), 10 für unsere Eltern, 30 schenken wir dem Universum als Dank für unsere Existenz (sowas geht auch - und kann sich auszahlen wie bei einem Adventurespiel (denn das kann das Leben sein: die Computerei bringt es auf den Punkt)), 10 für unseren Humor, usw., und ganz schnell haben wir unser Kontingent aufgebraucht. Was wir wählen, ist eine Frage der Taktik und dessen, was wir eigentlich wollen. Vielleicht wollen wir im einen Leben eine schnelle spirituelle Entwicklung (und nehmen dafür eine Menge Streß in Kauf), in einem anderen aber entspannen (Wohlstand haben, gut aussehen, aber dafür eine ziemlich Null sein, oder ein Arschloch). Vielleicht wollen wir uns verewigen und setzen 300 Punkte auf eine gewaltige musikalische Fähigkeit, sterben aber mit 30 und haben zeitlebens Depressionen, während wir unter starker gesellschaftlicher Ablehnung leiden. Vielleicht verteilen wir die Punkte so, daß wir herzenswarm und ein bißchen doof sind, weil das ohne Risiko, aber mit Streß und eher langsam, weitere Punkte ansammelt. Wir können auch abgefahrenere Deals machen: wir sehen gut aus, sind wohlhabend, spirituell gut drauf, intelligent, haben intensive Gefühlserlebnisse (alle Leute beneiden uns), laufen aber ständig auf des Messers Schneide, weil das, was wir suchen, nicht von dieser Welt ist: wir haben alles auf eine Karte gesetzt: vielleicht haben wir aus einem zukünftigem Leben etwas geliehen. Wer sein Leben vernünftig lebt oder ein riskantes Leben gut meistert und am Ende neue Punkte hinzugewonnen hat (was nötig ist, weil bei der Abgabe des Körpers - die wir als Tod bezeichnen - nicht alle 3.500 Punkte wieder gutgeschrieben werden, sondern pauschal 10% abgezogen werden. Wer nur Blödsinn macht, kann es demnach schaffen, danach nicht wieder als Mensch auf die Welt zu kommen), kann sich im nächsten Leben vielleicht mehr Schönheit, Libido oder Geld leisten. Wer über 4.050 Punkte kommt, braucht nicht wieder als Mensch auf diese Welt (in seltenen Fällen machen es doch manche, und zwar aus komplexen kosmischen Gründen, die ich hier nicht abhandeln darf). Das Nirwana wird bei 6.666 Punkten erreicht (bei 6.000 Punkten weniger müssen wir in eine Art Zwischenhölle).

Alternativ zu dieser Phantasie könnte angenommen werden, daß wir unsere Punkte nicht selbst verteilen können, sondern die Zuordnung von anderer Seite geschieht oder zufällig ist. Oder es gibt gar keine Punkte und kein Karma, und alles ist ohnehin zufällig. Oder es ist weder nicht zufällig noch zufällig und hat auch keine Hierarchien (wie die mit den Punkten).

Olaf Schreibers Blog

So fängt es an: ich blogge. Es gab immer mal wieder ein paar Leute, denen der Ausfluss eines mit mir identifizierten Hirns gefallen hat, drum teste ich es mal so.

August 1999
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