Archiv für: Mai 1999

24.05.99

Permalink 21:41:00, von Olaf, 1802 Wörter, 535 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Über das Wichtige 2

24.5.99 - 21:41 und 2.6.99 - 1:45: Die Fragen sind dieselben, die Konzentration selten, auch wenn sie auf Wunsch hervorgerufen werden kann: was ist wirklich wichtig?
Beinahe in demselben Maße, wie unsere Gedächtnisse schlechter werden (früher wußte ich immer, wem ich was erzählt habe - mich aufregend über die Alten und Besoffenen (dabei sind wir alle nicht wirklich klar, d.h. ein wenig besoffen), die alles doppelt erzählen, ihre persönliche Moral wieder und wieder verbreiten, Geschichten und Ansichten immer wieder auf den Tisch bringen: heute (mit knapp über 30, in einem Alter, in dem ich auch meinen Rücken zu spüren beginne und die nachlassende Kondition) finde ich mich wieder in Gesprächen, die ich lax angehe, unterhaltungsbasiert, nebenbei, finde mich mich wiederholend, dieselben Einsichten denselben Menschen gegenüber wieder hervorsabbernd - nur bei wirklich wichtigen Dingen behalte ich noch die Übersicht, aber so vieles ist integriert in Alltagslösungen, Ausgelebtes, Entsaftetes), können wir uns diese Frage besser stellen (dies ist nicht bei allen so): in einer seltsamen Weise (dies ist nicht so lächerlich wie es klingt) wird unsere (will vielleicht sagen: meine) Zeit knapp. Wie in einem Exempel zeigt sich dies auf der beruflichen Ebene, wo die Kämpfe und Überlegungen just begonnen haben und immer klarere Formen annehmen (manchmal in ein lächerliches Maß hinein, als wäre das Rentenalter (das es für meinesgleichen vielleicht gar nicht mehr geben wird, sowohl sozial- als auch umweltpolitisch betrachtet) bereits eine nahende Realität, als hätte ich in dem Leben niemals wirklich dringesteckt, als wäre es albtraumhaft bald vorbei (ähnlich dem "Auf-einmal-ist-man-50"-Effekt - ein Schlager, dessen latente Ernsthaftigkeit seinesgleichen sucht), als erfolgte eines eben nicht allzu fernen Tages (besonders nicht, wenn das Schnellerwerden der Zeit interpoliert wird) eine Art Erwachen. Dies ist "beruflich" gedacht (mit der offenen Frage, ob der "Beruf" wirklich so getrennt ist vom restlichen Sein), weil es exemplarisch denkbar wird und nicht die zerreißende Dimension hat, die eine solche Vision auf das Leben insgesamt offenbart: daß es vergeht wie ein ungefühlter Schmerz, ein Orgasmus ohne "Zündung", ein Gericht ohne die Fähigkeit zu schmecken, ein verschlafener Kinofilm, eine Reise ohne Präsenz-vor-Ort-Gefühl, ein Essen ohne Befriedigung, aber mit Völlegefühl (könnt Ihr dies nachvollziehen?).
Was ist nun wirklich wichtig in diesem einen (oder einem dieser vielen) Leben? Mein Ansatz (eine Antwort ist es nicht ganz) ist, mir dieses Aussuchen zu können (im Gegensatz zu einem Zettel mit einer "Aufgabe", die ich irgendwo auf dem Grund meiner Seele finde und nach der ich alles auszurichten habe: so stellt sich die Frage, ob ein Regenwurm, indem er sein Wesen auslebt und damit Humus erzeugt und lockert (mögen mir meine bescheidenen Einblicke in die tierische Biologie verziehen werden), all seine Möglichkeiten erschöpft (wie unangenehm: ein Löwenzahn wird niemals eine Eiche werden, auch wenn sie sich zu Beginn ihrer Leben nicht unterscheiden: wie unendlich unangenehm: einfache Pflanzen wachsen oft schneller, aber gehen vor dem Winter ein: können nicht wirklich groß werden: wie am unangenehmsten: was ist, wenn Menschen untereinander sein können wie Löwenzahn und Eiche?: wenn Mensch A und Mensch B wirklich unterschiedliche Möglichkeiten haben? (wie uns von therapeutischer Seite immer wieder vermittelt wird, daß dem auf keinen Fall so sei, ist irgendwie rührend)).
Wie immer stelle ich diese Fragen nicht (und das ist wirklich wichtig) aus philosophischer Perspektive (aus dieser ist viel Interessantes und Respektables verfaßt worden, und wann immer ich es lese, verliere ich mich fasziniert (allerdings meist von den gedanklichen Möglichkeiten fasziniert, die wie alle Möglichkeitenpools danach verlangen, ausgetestet, ausgelutscht und ausprobiert zu werden (vielleicht wie in einem Adventuregame?)) darin, verliere bei Fortentwicklung der Gedankenstränge dann irgendwann den Kontakt (früher oder später, aber immer) mit dem Geschriebenen und ende Text und AutorIn liebend oder ignorierend (und bitte: nichts von dem ist aus einer abgeklärten, höherstehenglaubenden oder erschöpften Perspektive geschrieben, ich ordne nur in mein System ein und werte nicht); sondern ich stelle meine Fragen aus einer eher emotionalen Perspektive (stark mit diesem meinen erklärt subjektiven Schreibstil verbunden, der keine ausgewogenen Abfassungen erzeugt, die für sich selbst stehen können; die Idee ist (wie andernorts ausführlich beschrieben), den Prozeß des Fühlens und Denkens, die Bahnen, in denen die Ideen und flinken Vorstellungen (im Gegensatz zu ausgefeilten Gedanken, die in so vielen Fällen künstlich sind im hier vorgestellten Sinne) entstehen und laufen, zu erfassen und nackt zu manifestieren. Es gibt eine Handvoll Themen, die sich in uns allen, in jedem Menschen, wieder und wieder drehen: sie ändern sich mit dem Alter, sie transformieren, aber es ist immer eine bestimmte Anzahl gleichzeitig, und diese Anzahl ist nie sehr groß: dennoch bleiben sie lange unsere Begleiter, und ich finde einen Grund dafür (für die Tatsache, daß sie so schwer gelöst oder abgearbeitet werden) darin, daß unsere Schriftsprache, die dem analytischen Denken ähnelt, sie so schwerfällig erfaßt: allzu oft, wenn etwas in schönen, kompakten Worten beschrieben ist, kann es vom Organismus (hier: von seinen psychischen und seelischen Anteilen), nicht mehr sauber verdaut werden; dies kann sogar bei Poesie (die dem Wesen des Menschen eigentlich näher ist) der Fall sein). Hierfür suche ich an dieser Stelle meine eigene Schriftsprache (ja, dies ist mein persönlicher Mißbrauch des Internet!). Wenn ich schreibe, ist mein Bewußtsein erstaunlich ausgeschaltet, und doch bin ich mir (auf eine Weise) näher, als wenn ich es rotieren lasse: komplexe Gedanken (vergleichbar mit jenen, die unter dem Einfluß von Haschisch erfaßt werden können oder erfaßt zu werden geglaubt werden) erscheinen so ganzheitlich möglich - wenn das Bewußtsein fokussiert, verliert sich diese Weite. Mit anderen Worten: ich plädiere implizit für die Existenz des Unbewußten (ein überflüssiges weil 432. Plädoyer), weil ich auf diese Weise einen Kontakt mit ihm behaupte (nun ist aber die Kunst, diesen Kontakt in bewußtem Zustand zu haben, und dem kann ich zugute halten, daß ich während des Verfassens dieser Texte besser als mit jeder anderen Technik das Maß an Bewußtheit steuern kann, das ich erlaube. Soviel zur Technik und Rechtfertigung.
Hier bin ich also. So lebe ich. Dies tue ich. Dieses und jenes ist nötig für ein Dasein (ja, darüber können wir streiten: arbeiten für welches Maß an Komfort, für welche Qualität an Lebensmitteln usw.?).

Ein anderer Tag ist eine andere Zeit, und es ist nicht ganz klar (außer bei langen Zeiträumen), was sich geändert hat. So weiß ich noch nicht, was wichtig ist, und wie ich den Ansatz dazu finde, dies herauszufinden oder auszusuchen (ein anderes Thema entsteht aus der Fragestellung, was im Leben alles ausgesucht und nicht gefunden ist, vielleicht so seltsam wichtige Dinge wie wissenschaftliche Entdeckungen oder Liebe). Jedenfalls gibt es also, so stehen wir hier, eine lange Zeit, die vor uns liegt (wenn wir auch sterben durch einen besoffenen Raser oder einen herabfallenden Jet oder Asteroiden (wie in den neuen Filmen), so liegt diese Zeit jetzt dennoch vor uns - ich rede von der Zukunft, nicht von einer vorweggenommenen Gegenwart); und diese Zeit können wir füllen (ja, ich gehe hier von der nüchtern-analytischen Seite an die Angelegenheit heran). Und in klaren Momenten (die nichts, aber auch rein gar nichts mit der Alkoholmenge im Blut zu tun haben) sehen wir einige Möglichkeiten, vielmehr Denkrichtungen, und endlich, ENDLICH, trotz meiner Müdigkeit und meinem steten Willen, zu Bett zu gehen, liste ich einige auf:

  • wir existieren, und diesem Rätsel (wenn es für sie eins ist (und das nicht unbedingt im Sartre'schen Sinne)) lohnt es sich auf den Grund zu gehen, vielleicht ein ganzes Leben lang (aber dies läßt sich auch mit anderen Dingen (z.B. Liebe oder Freude am Arbeitsplatz) kombinieren). Klar? Selten ist uns klar, wie merkwürdig das ist (wenn es nicht merkwürdig ist, könnt Ihr zu einem anderen Punkt schalten oder offline gehen, ohne daß ich Euch im mindesten für dumm oder ignorant oder arrogant halte); und dies können wir untersuchen (und uns, ich weiß es nicht, lange in Ellipsen drehen, vielleicht aber redlich, was wieder für manche genügen mag, ich urteile auch das nicht (wer bin ich schon, daß ich das könnte))
  • wir existieren, und diesem Wunder können wir uns mit (ja, auch stichhaltigen, nicht nur christlichen) religiösen Erwägungen nähern und mit ebensolchen ins Reine kommen, d.h. eine Lösung finden, die für unsere (natürlich aufgrund mannigfaltiger Faktoren (aber dies ist bereits Interpretation) angenommene Perspektive schlüssig, notwendig und hinreichend ist
  • wir existieren, und wir sollten nicht fragen, sondern mit einer Art instinktiver innerer Aufrichtigkeit (solcher, die theoretisch ohne ein Gehirn auskommt) das Richtige tun
  • wir existieren, und diesem Greuel sollten wir begegnen
  • wir existieren, und dieser Gnade schulden wir Dank (aber Christentum hatten wir bereits)
  • wir existieren, und dies ist eine wissenschaftliche Tatsache, die wir aufrichtiger Weise nicht erklären oder verstehen können, die aber wissenschaftlich ist; wir sollten Freude haben am Leben
  • wir existieren nur kurz und sind unwichtig, und ebenso sind unsere Handlungen, seien sie auf uns selbst bezogen oder auf andere
  • wir sind wie die Tiere, Pflanzen, Steine und Sterne Teil eines Keine-Ahnung-was und benehmen uns in jedem Fall so
  • wir haben die Wahrheit in uns und müssen sie finden (eine andere Wahl haben wir nicht)
  • wir sind frei
  • wir sind Zufall
  • wir sind Traum
  • wir sind Liebe
  • wir sind Teilungsprodukt eines explodierten Ganzen
  • wir sind nichts und etwas (so voll tao-mäßig)

Ich wie ich bin: Ich kann mich nicht entscheiden. Je nach Zeitpunkt entscheide ich mich für andere Teillösungen. Das Rätsel der Existenz ist mir wichtig, dann das aufrichtige Leben, dann das freie jenseits der inneren Moral (ja, sie ist immer "innen"; und ich meine auch nicht die "verinnerlichte"; ich meine die "wirkliche eigene", von der es sich nach einem bestimmten instinktiven Muster zu befreien gilt), dann das schöne. Ich schwanke und verwende für alles Kraft. Ich frage nicht mehr so viel. Aber ich gehe in viele Richtungen und bin in jeder ein Achtel Mensch. Zur Zeit ist das mein Wesen. Hochinteressant, was in 10 Jahren ist. Vor 10 Jahren jedenfalls war alles anders, aber nicht so anders wie gedacht, ein bißchen so anders wie gehofft, aber auch nicht so anders wie ich mir das andere in 20 Jahren wünsche.

Und jetzt kommt's: Bislang sind Antworten auf all dies nicht schlüssige Entgegnungen auf die gestellten Fragen, sondern stets die Sicht aus einer neuen Perspektive. In diesem Sinne gibt es keine Antworten, die meiner gelernten Vorstellung von Wahrheit entsprechen. Ich weiß nicht, wie das bei Euch ist.

01.05.99

Permalink 00:11:00, von Olaf, 431 Wörter, 507 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Über den Beruf

Gerade zurück von vielen Dingen wie Arbeit, Sport und Unterhaltung: und in dem 125er von Tegel nach hier saß ich und fragte mich, nein, nicht was wohl das Leben sei, denn das hatte ich schon geklärt (eine Anhäufung verwirklichtes Protoplasma), sondern warum ich mich wegen meiner beruflichen Zukunft streßte: denn seit vielleicht einem Jahr (oder lüge ich: vielleicht sind es zwei oder drei, jedenfalls nicht mehr) ging es mir nicht mehr nur ums Überleben, sondern auch um die sogenannte Qualität des Lebens (diese Erkenntnis sollte, einem moralischen Anspruch folgend, den Anja L. in meinen Pamphleten fand (so ihre Email), eigentlich schockieren: aber vielleicht aus Abgeklärtheit, Rechtsdrift oder Realitätseingeständnis tat sie dies nicht).
Neu: auf einmal beruhigte mich der Gedanke, mittel- bis langfristig in diesem Lande nicht des Hungers sterben zu müssen (auch wenn alles ganz schlimm käme), nicht mehr: ich wünschte mir auch, ja laßt es klingen in der Welt aus der ich eigentlich stamme (zu Blumfeld bald mehr), die Erhaltung eines gewissen Komfort. Allzumenschlich? (Still, Friedrich!) Vielleicht, aber was geht es mich an! Mein alter und immer wieder neuer (je neuer, desto innerlicher, aber weniger nach außen dringender) Ansatz ist, dieses zu verspotten.
Aber dann, als der Bus in das schöne Stückchen Wald einbog, was für die, die uns besuchen, immer die Illusion eines Lebens im Draußen kurz erzeugt, fand ich mich wieder (zur Vervollständigung des Verständnisses der Situation muß ich bestätigen, im Laufe des Tages zwei Aspirin, einen halben Liter Wein und ein Glas Ouzo segmentiert zu haben): nein, klang es, nein, sag nein: und sagte dies ein weiteres Mal innerlich zur Leistungsgesellschaft (dazu: (und um dem Kitsch vorzubeugen) ich stresse mich tatsächlich: dies ist ein wirklicher Kampf (ja der Kosovo, die Kriege, der echte Hunger: an dieser Perspektive (die sich im Hinterkopf abspielt) werden wir immer zerbrechen, und jeder unserer Schritte hier wird zum Hohn: aber das Problem ist erkannt und sogar bekannt und wird gängig ignoriert, und dies tue ich hier, wenn auch nur für eine Sekunde, bevor mich das Umfassende wieder ins Lächerliche schiebt (ich aber trotzdem fortfahre mit dem was ich tue)): ich, ohne Abschluß und gesellschaftliche Realität, aber mit passablem Wissen (was die Computer angeht), ringe um mehr davon, damit es irgendwann reicht, um mich sicher zu fühlen, um gewollt zu sein von Leuten, auf die ich eigentlich erbreche: bis es (was? ich?!) mich zurückholt und den unsicheren Weg weist und ich mich wieder spüre.

Olaf Schreibers Blog

So fängt es an: ich blogge. Es gab immer mal wieder ein paar Leute, denen der Ausfluss eines mit mir identifizierten Hirns gefallen hat, drum teste ich es mal so.

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