Über Wahrnehmung und Interpolation der Größe anderer Menschen und der Größe ihrer Taten

08.04.99

Permalink 20:13:10, von Olaf Email , 1795 Wörter, 880 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Über Wahrnehmung und Interpolation der Größe anderer Menschen und der Größe ihrer Taten

Es ist 20:13, der 8. April 1999. Draußen verschwindet das letzte Licht eines feuchten, aber wohlriechenden Tages. Ich höre eine Lohengrin-Aufnahme von Barenboim, während im Kosovo die Vertreibung tobt und in Serbien Bomben fallen.
Die Gedanken dieser Schrift sind syntaktisch durch Verkettung von Doppelpunkten dargestellt: ich bin nur unter Verkrampfungen in der Lage, durch und durch strukturiert und zielgerichtet zu schreiben, also von 'oben' vor einem großem Blatt zu sitzen und dessen Inhalt wie in einem Puzzle zusammenzusetzen (eigentlich: zu konstruieren), wie es für wissenschaftliche Arbeiten nötig wäre: meine 'Gedanken', 'Gefühle' und Filme kommen aber anders, und 'Ich' bin als Thema zu wenig scharf abgegrenzt, um darüber anders als seriell zu schreiben: es wäre immer nur ein falscher Ausschnitt, an dem ungeheuer viele 'Wenns', 'Abers' und 'Gegenteile dessen' nagen: anders als in einer Arbeit, die auf eine Conclusio hinauslaufen soll, verdienen bei 'mir' alle Aspekte genannt zu werden (stimmt: weil es keine Conclusio gibt), und eine Auswahl ist nicht möglich (scheitert an der Mächtigkeit der Menge) und wäre vollkommen falsch: ich muß also 'irgendwo' einsteigen und 'irgendwo' auch wieder aussteigen und den dazwischen liegenden Strom auf das Papier gießen, und hier beginnt er:
tagsüber habe ich am Computer gearbeitet und ausreichend Geld verdient, jetzt am Abend denke ich über Möglichkeiten und Strategien eines (meines) Lebens nach: ich versuche, alles einzubeziehen, alle bekannten 'äußeren' Fakten: neben 'Kosovo' sind das zur Sekunde die Erwärmung des Golfstroms mit der Folge einer klimatischen Abkühlung in Europa, also kälteren Sommern, und die Genitalverstümmelung bei Millionen von Mädchen und Frauen in aller Welt: davon habe ich gerade wieder gelesen im Zusammenhang mit Asylgründen in Deutschland und warum das keine sind: niemand will 'das' (Asyl) bezahlen (offiziell ist der Grund dafür, daß es sich 'dabei' - wie auch bei Vergewaltigung - nicht um politische Verfolgung mit unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben handelt): dann dachte ich, daß ich immer bestrebt bin, möglichst wenig Steuern und Abgaben zu zahlen und wie das, diesen nüchternen Fakt einbeziehend, mit meiner selbstverständlichen Forderung nach Asyl für alle ausschaut: dann aber fällt mir die 'grenzenlose Verschwendung von Steuergeldern' ein (auf 'jedem Gebiet'), und mir scheint es gerechtfertigt, nach einer anderen Verteilung des Vorhandenen zu rufen, selbst wenn von mir nichts dabei ist: hin und wieder spende ich aber kleine bis mittlere Beträge: dabei fällt mir ein der Spendenaufruf für die Kosovo-Vertriebenen (von denen die 220, die nach Berlin sollen, gerade von so ein paar CDU-Scheißern nicht willkommen geheißen wurden): ich dachte darüber nach, einen Betrag anzuweisen, aber dann fielen mir die 20 Milliarden ein, die bis jetzt für das NATO-Bombardement Serbiens ausgegeben wurden (dessen aktuelle - nicht historische - Beurteilung mir übrigens schwerfällt), im Vergleich zu den 800 Millionen, die die EU gerade versucht bereitzustellen für die Vertriebenen: da wirkt ein Spendenaufruf irgendwie bescheuert (also spende ich an amnesty international, die grundsätzlich von keinem Staat was annehmen). An anderen Tagen gibt es andere 'äußere' Fakten, die die eines jeden und einer jeden modernen moderaten 'Linken' sind. Nachdem ich mich also damit abgefunden habe, heute nichts mehr (wie an anderen Tagen auch schon nicht) für das Wohl anderer zu unternehmen: ein schlechtes Gewissen habe ich nicht mehr, wenn mich eines Tages etwas nach 'außen' bewegt, wird es die Einsicht in eine 'faktische' Möglichkeit, die sich mit einer 'inneren' deckt, sein: oder mit anderen Worten: wenn die Kluft zwischen meiner Faulheit und der Unlust politischer Aktivität (so habe ich sie erlebt) überwindbar oder nicht mehr vorhanden ist (weil es nicht mehr abstrakt ist oder um Menschen oder Themen geht, die mir wirklich nahe sind), fällt mir auf, daß nie jemand diese Sätze lesen wird: wo war ich? Es folgt die weitere Vergegenwärtigung meiner Position in Zeit und Raum (eher als umgekehrt): nach den 'äußeren' Fakten folgen die 'mittleren': mein Umfeld, Beziehung, Job, Wohnung: die waren schon oft Anlaß zur Sorge (die sich aber immer mit obigen 'äußeren' Fakten aushebeln läßt), sind aber heute alle keine Anmerkung oder Aufzählung wert. Also komme ich zu meiner 'inneren' Realität: nun handelt es sich nicht mehr um 'Fakten': über die ich eigentlich schreiben wollte, was aber nur möglich ist, wenn das Grauen draußen in der Welt wenigstens erwähnt und am besten eingeordnet ist: nicht aus schlechtem Gewissen (das sagte ich schon), sondern damit alles in einem schlüssigen System bleibt (und damit ich nicht ignorant oder gar egoistisch wirke) oder jedenfalls so scheint, egal wie bescheiden das Ausmaß der 'Schlüssigkeit' (aber ich fange schon wieder an, mich zu entschuldigen). Also zurück: bereits mit dem ersten Satz wollte ich mich fragen, mit der Nüchternheit, die mir heute möglich ist, was ich eigentlich in meinem Leben noch machen möchte: da ist ein Haufen Zeit, eine nicht unbeträchtliche Menge Freiheit

lustiger weise kommt just in diesem Moment (es ist 20:49) Eva rein und fragt mich, ob wir nicht essen kochen sollen, und weil ich zugestimmt habe, unterbreche ich jetzt diese Schrift und nehme sie vielleicht nie wieder auf

tatsächlich, um 21:37 geht es weiter mit einer nicht unbeträchtlichen Menge Freiheit, die da ist: die wirklich da ist und wohl nur beschränkt wird durch Weltbilder, Glaubenssätze und 'Fakten' (letztere in diesem Zusammenhang genau auszumachen ist schwierig): im wesentlichen bin ich in einer Situation, in der ich mich hinsetzen kann und im Prinzip nachdenken oder nachsinnen und im Prinzip entscheiden. Will sagen, es brennt weder ein Feuer in mir oder wütet ein Dämon, das oder der mich in seine Pflicht nimmt: ich liebe und mache Musik, aber bin weder ein Visionär noch davon verfolgt noch muß ich um alles in der Welt Musik machen: oft habe ich mir einen inneren Fanatismus gewünscht, der mir die Suche nach Sinn und vor allem sinnhaftem Inhalt meines Lebens abnimmt: oder ich fühle das Feuer und spüre den Dämon nicht (wie die noch immer tiefenpsychologisch orientierten unter uns einwenden mögen), noch stecke ich in 'äußeren' Zwängen, mit Ausnahme der viel zu vielen und im Vergleich zu anderen doch wenigen Stunden Broterwerb, die einiges von meiner Zeit abzwacken (ja, wenn ich 'anders' wäre, könnte ich daran viel machen, aber ich bin visionsarm, faul und arbeite vielleicht sogar gerne: nur hin und wieder - vielleicht einmal in der Woche - überkommt mich eine Klarheit und ein tiefes Unbehagen, was ich mit diesem (vielleicht einzigen, vielleicht auch nicht) Leben mache, wie ich es wegwerfe: ein weiteres Mal bin ich ebenso klar und zufrieden damit, kleine Brötchen zu backen: genauer, wenn ich nicht an die (im Prinzip hypothetische, und auf genau diese Hypothese bezieht sich die überschrift dieser Schrift) Existenz größerer bis großer Brote denke, finde ich eine Ausgeglichenheit, die sich richtig anfühlt: oder ist es in diesem Fall das eher seltene Phänomen, die eigenen Gedanken zu verdrängen: anstatt natürlich, wie unter uns Männern üblich bis die Regel, die eigenen Gefühle: wenn wir unseren Diskurs überhaupt noch in diese Kategorien packen, was von Jahr zu Jahr kraft- und reizloser wird: wie dem auch sei, ich finde also in einfachen Strukturen die Ausgeglichenheit, die ich in den Jahren meiner Depressionen und Einsamkeit und Selbstglorifizierung so vermißte: und frage mich, ob ich damit auch meine 'Kreativität' (schon klar, oder?: die einfachen Anführungszeichen deuten immer an, daß auf eine tiefere Klärung des Begriffs aus dem am Anfang dieser Schrift genannten Gründen verzichtet werden muß) einbüße: die ich wiederum zu Zeiten der Depression und Einsamkeit und Selbstglorifizierung ebensowenig ausgelebt habe, auch wenn die wenigen 'Produkte' (einige Texte, einige Musik) aus dieser immerhin 15 Jahre dauernden Zeit anderes vermuten lassen: ich kann hier nicht genauer darauf eingehen, denn ich fühle mich gestreßt durch den einen Gedanken, dessen Beschreibung ich mir schon in der überschrift auferlegte: über Wahrnehmung und Interpolation der Größe anderer Menschen und der Größe ihrer Taten. Da bin ich also nun mit meinem Leben und meiner Zeit, meinem Raum, meiner Freundin, meiner Wohnung, meinen CDs, meinem Geld, meinen Tagebüchern, den Kassetten mit 'selbstgemachter' Musik (komisch, daß das nicht mehr alle Musik auf der Welt ist: 'ist diese Musik selbstgemacht?'; 'nein, das ist eine professionelle Aufnahme.'), meinen Freundinnen und Freunden, meinem Job, meinem Interesse und Fachwissen über Computer (namentlich HTML, Perl, Javascript, Visual Basic, VBA, Microschrott Office, 95/NT, Linux, Cubase, uvm. - daher kommt die Kohle und somit das Leben), meinem Klavier, meiner Kochkunst (asiatisch am liebsten), meinem Geist, und sitze hier, und (das ist fern von jeder Selbstverständlichkeit, auch wenn es sich vielleicht einfach liest) bin in der Lage, mir die Frage nach meinem Leben ohne jede Verwirrung zu stellen: allerdings werde ich sie hier nicht beantworten, sondern eine der Bedingungen einer möglichen Antwort erörtern (auch wenn ich dazu - zu meinem ursprünglichen Motiv also - gar keine Lust mehr habe): es geht um die Einschätzung der Lebensnotwendigkeiten für die eigene Person im Angesicht anderer Personen und dessen, was diese erreicht haben: und in diesem Zusammenhang wollte ich eigentlich nur die Erkenntnis mitteilen (dies aber mit all ihren 'Fürs' und 'Widers'), daß es ein häufiger, lähmender Fehler vieler Menschen ist, sich andere Menschen (vorzugsweise solche, die frau/man sehr wenig kennt) anzuschauen, einige ihrer wirklich großartigen (das meine ich so) Persönlichkeitsmerkmale, Wesenzüge und Charaktereigenschaften anzuschauen und diese auf den gesamten Menschen zu interpolieren und dasselbe mit den Taten, Berufen und dem Erreichten dieser Menschen zu machen und sich dies zum Maßstab zu machen (wohlgemerkt, nicht die 'Fakten' sondern die eigene Interpolation): die andere Seite ist, daß diese Betrachtung, einmal verstanden, gleich die Möglichkeit bietet, die eigene Trägheit in ein selbstbetrügerisches Koordinatensystem zu hieven: und das sind schon die beiden Seiten, und ich schließe damit, daß in allen Belangen des wirklichen Lebens eine Synthese (=eine Wahrheit) aus Antagonismen oder zwei Medaillenseiten die absolute Ausnahme darstellt und daß unser Weltbild und alle Filme außer den guten lügen und daß mir persönlich kein final fester Koordinatenpunkt im Universum bekannt ist, der nicht irgendwo, vielleicht im Gamma-Quadranten oder in einer Nachbarkultur oder noch weiter, ein gültiges Gegenteil (und sei es klein) hat: und daß die Leute, die dennoch mit festen Koordinaten leben, oft merkwürdig langweilig wirken - wie ChristInnen -, weil die prinzipielle - nicht praktische - Möglichkeit, alles in Frage zu stellen, Kontakt notwendig macht, und ein Kontakt, der nicht aus einer Notwendigkeit heraus besteht (oder seine wahre Notwendigkeit leugnet, was häufiger der Fall ist), wie wir alle wissen, nicht funktioniert.

os

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Anmerkungen und Betrachtungen zu Grundsätzlichem

Hirnausflüsse von Olaf. Manche wollten das lesen. Wenige, aber immerhin. Es fügt der Welt Informationen hinzu.

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