Die wertvolle begrenzte Zeit

10.06.99

Permalink 00:30:00, von Olaf, 1410 Wörter, 523 Ansichten   German (DE)
Kategorien: Tage

Die wertvolle begrenzte Zeit

Zu betrachten, was an einem bestimmten, aber beliebigen Tag geschehen ist, ist aus unter anderem folgender Perspektive aufschlußreich für die eigene Empfindsamkeit hinsichtlich des Verstreichens der eigenen Zeit: wenn letztere wertvoll, selten oder gar einmalig ist (welches der drei ist Sache einer für mich unsichtbaren, aber vielleicht vorhandenen Realität), erscheint die Ansammlung der Dinge, die ich an jenem Tag unternehme oder unterlasse, völlig verzerrt. Will sagen (hier erfolgt der Versuch, die Sprache etwas weniger verschachtelt anzugehen, was für mich aber gleichzeitig bedeutet, sie von meinem Denken zu entfremden ("entfremden" ist typische "Neusprach")): wenn ich eine Position in der Nähe von "mir selbst" einnehme, indem ich mich innerlich "zurücklehne", empfinde ich die an einem Tag unternommenen oder unterlassenen Dinge als absurd, als zu wenig, als irrelevant und als "an der Sache vorbei" (welcher "Sache"? Siehe all diese Texte!). Mache ich mich dann etwas "weicher" und "kalkuliere" den "Faktor Streß" mit ein, der eigenproduziertes Gift aus dem eigenen Realitätsverständnis in den eigenen Körper pumpt, finde ich die Dinge zusätzlich liebenswert, als Teil von dem was ich ("zur Zeit") bin, als Instanz meiner gegenwärtigen Möglichkeiten. Schaue ich dann schärfer, finde ich den fehlenden Willen (eher als die fehlende Kraft), jene Möglichkeiten anders zu realisieren, das heißt als näher an dem stehend, was ich sein möchte, wenn ich "bei mir" bin. Diese Spaltung ist unüberwindbar (dieser ganze Satz ist "Neusprach"): ICH als Instanz meiner Möglichkeiten bin etwas anderes als meine Möglichkeiten. Ein weiteres (überwindbares, aber vorhandenes) unscharfes Element sind die faktischen Notwendigkeiten, die aus allen Bereichen bestehen, die wir Leben nennen, plus aus jenen Bereichen, die die Wissenschaft kategorisiert:
Ernährung, gesellschaftliches Leben (d.h. FreudInnen), Zerstreuung, Triebe, Neugier: aus erwähnter Perspektive Dinge derselben Art, die sich erfüllt wissen wollen und die ich liebevoll akzeptiere, mir selbst verzeihend, daß ich diese wenigen wertvollen Jahre (aus denen mein gegenwärtiges Leben besteht) nicht einzig und allein der Suche nach dem widme, was ein Maximum an Relevanz für mich besitzt: sondern statt dessen wirr durch Zeit und Raum reise und dies und jenes tue und mache. Was ist nun dies und jenes? Was sind (um in dem Bild zu bleiben, dessen Formulierung eine Folge meiner Computertätigkeit ist: wie muß es wohl sein, völlig anders zu denken?) die Instanzen der Klasse "Dieses und Jenes", der Klasse all der Dinge, die für mich nicht die maximale Relevanz haben, sondern "faktische Notwendigkeiten" sind?: auch wenn die Grenze unscharf sein kann und vieles sich als vorteilhaft erweist, was einst sinnlos schien: ein Teil von mir verharrt in dem (aus wieder einer anderen Perspektive gesehenen) seltsamen Gedanken, daß eine bewußte Anstrengung, ein ehrlicher Versuch, eine gezielte Bemühung Früchte trägt und sonst gar nichts (schon gut: da mischt sich leidendes Christentum mit hinein: ich sollte die Verhältnisse, in denen meine Wirklichkeit besteht, nicht so lässig einordnen, aber ich bin wie immer müde...).
Das ist einmal vier Stunden Perl lernen, davon eineinhalb Stunden für die Suche nach einem vergessenen Semikolon investieren: das Studium von Artefakten: Jura (als Paradebeispiel dafür) habe ich immer für einen Alptraum gehalten (ohne es (mit einer kuriosen Ausnahme und einer normalen Ausnahme (Arzneimittelrecht die erste und Mietrecht die zweite)) jemals betrieben zu haben), weil hier von Menschen gemachte (und dazu noch durchgedrehte) Strukturen von anderen (und denselben) Menschen gelernt werden (schon gut: eine Philosophie, eine Menschlichkeit steht auch dahinter oder will es manchmal). In der Computerei ist das ähnlich: nur finden sich dort mehr Strukturen (mathematisch-logische), deren Ursprung mir nicht ganz klar ist (Mathematik wird zuweilen für eine reine Geisteswissenschaft gehalten (aber ich will das Kategorisierungsgerassel hier nur soweit betreiben, als es mich primär betrifft)) - und dies in saubererer Form als in der Physik, die ihre Effekte nur selten pur antrifft (ich habe das studiert): in der Summe ist die Computerei, der ich also sehr sehr sehr viel Zeit widme, für mich (wieder aus besagter Perspektive (bitte: zu vielen anderen Stunden sehe ich alles anders als zu dieser)) eine Melange einiger "faktischer Notwendigkeiten": Ernährung (und das mit Komfort, Überfluß und Luxus), Zerstreuung (ich kann etwas tun, mich von dem "Relevanten" ablenken, und dies wegen der "Ernährung" gerechtfertigt, ich muß die "Ernährung" als Rechtfertigung benutzen, weil ich zu steif bin, zu ängstlich, zu geprägt von einer mir eigenen asketischen Lebenshaltung (ja, dies ist wirklich wahr), um mir die kindliche Bastellaune (die übrigens auch Frauen eigen ist, aber weniger zum Vorschein kommt, weil Frauen oft die Verantwortung für lebensrelevante Dinge "überantwortet" wird, vor denen Männer sich wegen ihrer sagenhaften Fähigkeit zur Distanz drücken), die Herausforderung oder was auch immer zu gönnen), Beruf (in der Welt ein "Fakt" sein, eine Existenz). Inwieweit es sich um "Berufung" handelt, kann ich noch nicht abschätzen, zumal sich in den meisten Jahren meiner Existenz alles in mir dagegen gewehrt hat: inwieweit "Berufung" Teil der Klasse der wirklich "relevanten" Dinge meines Lebens ist, weiß ich auch noch nicht. Prägungen sind unter anderem Scheiße.

Da sind also diese Stunden, beispielsweise die, in denen ich einen Fehler in einem Programm suche: und was in mir geschieht, fühlt sich, würde ich nicht etwas suchen, gar nicht übel anfühlen: Fehler können faszinierend sein: sie erst nicht zu finden und dann zu verzweifeln und dann doch zu finden und dieses dann kaum fassen zu können: dennoch sind anderthalb Stunden hinfortgespült, in denen ich: ja: WAS: hätte machen können? (Diese anderthalb Stunden seien stellvertretend genannt für andere Dinge des Tages: in einer Schlange warten, von einer in die andere U-Bahn umsteigen, warten überhaupt, in der Stadt rumstehen, jemanden besuchen und sich dabei nicht oder nur mäßig amüsieren, dabei aber kein Interesse zu haben, einen wirklichen Kontakt zu suchen oder auch nur eine eigene Wahrheit, die beide betrifft, einen schlechten oder recht guten Film zu sehen, ein Klo zu reparieren, jemandem zum Geburtstag zu gratulieren, usf.)

WAS also?

Ich hätte im Wald sein können und meditieren (was mir schon lange nicht mehr wirklich gelingt, weil sich in meinem Bauch etwas anstaut, wenn sich mein Gehirn anschickt, etwas willentlich fallenzulassen: dieser Effekt hat sich in den letzten Jahren verstärkt: es erfüllt aber im Prinzip meine Anforderungen an Relevanz (da hat sich die Antwort auf die Frage nach dem Unterschied zwischen "Relevanz" und "faktischer Notwendigkeit" schon eingeschlichen: "Prinzip", also wieder mal Prägung: ich trage "Prinzipien", Vorstellungen im Kopf, die über die "Relevanz" der Dinge, die meine Zeit mit "Inhalt" ("Leere" ist in diesem Sinne auch ein "Inhalt") füllen, urteilen)), jemandem eine Wahrheit sagen, wirklich konzentriert an genau einer Sache arbeiten, konzentriert und ausschließlich Klavier lernen, konzentriert und ausschließlich nachdenken, Sex machen, konzentriert und ausschließlich Musik hören, konzentriert und ausschließlich lesen (und zwar etwas wirklich gutes), wirklich kommunizieren (mit jemandem Kontakt haben), ausschließlich nichts tun, und einige mehr. WARUM tue ich eines von diesen nicht die ganze Zeit und reduziere "faktische Notwendigkeiten" auf das absolut nötige Maß, damit sie zu einer der genannten relevanten Dinge werden? (Warum habe ich das Gefühl, daß, obgleich ich mit einiger Kraft danach strebe, etwas daran krank ist?) Warum gehe ich nicht einen Schritt zurück und akzeptiere noch ein Stück mehr von meiner Schwäche? Warum sehe ich nicht alles anders? Wie sieht ein Baum diese Welt (oder was dem "Sehen" am nächsten kommt, und sei es das "Nicht-Sehen")? Warum esse ich mehr als gut ist? Warum beurteile ich andere und mich selbst? Warum verurteile ich? Warum will ich Purist werden? Warum will ich es nicht? Was ist in diesem Zusammenhang "Ich"? Was ist das Verhältnis von "Ich" zum Unbewußten (mal abgesehen von Definitionen, die immer möglich sind)? Warum bin ich beim Aufwachen nervös? Warum spiele ich manchmal simple Computerspiele, warum rauche ich? Warum sehe ich fern? Warum bin ich höflich? Warum bin ich fanatisch? Warum schreibe ich diese komischen Texte und tue sie ins Internet (ok, weil!, aber hier meine ich die Frage von o.g. Warte)? Warum habe ich Angst, die Welt zu versäumen? Wo endet mein Körper und fängt das Draußen an? Warum gebe ich mir nicht mehr Mühe? Wir werden sehen. Für heute ist es gut.

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Anmerkungen und Betrachtungen zu Grundsätzlichem

Hirnausflüsse von Olaf. Manche wollten das lesen. Wenige, aber immerhin. Es fügt der Welt Informationen hinzu.

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